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Kieler Woche 2010 |
| 23.06.2010 |
Nett – eine Stadt im Ausnahmezustand. Aber nicht nur die Stadt, auch die Seglergemeinde läuft aus dem Ruder. Das größte Segelevent weltweit (so die Aussage der Veranstalter) lockt nicht nur Touristen aus der ganzen Welt hierher, nein, auch Segler aus aller Welt trifft man hier. Tausende von Schiffen und Schiffchen, Regatten und sonstige Veranstaltungen. Sozusagen ein Eldorado für alle, die irgend etwas mit dem Wasser zu tun haben oder sich dafür interessieren. Dazwischen dann noch einige, die einfach nur feiern wollen – oder mal dumm schauen....
Kurzum, der Hafen ist voll, übervoll, die Wasserstraßen ähneln der Hauptstarasse im Feierabendverkehr und die Stimmung ist prächtig. Alkohol fließt überall in Strömen und dementsprechend ist die Laune. Auf dem Wasser gelten keine Verkehrsregeln mehr, man brüllt sich nur noch an – und trinkt anschließend miteinander ein Gläschen zur Beruhigung. Die Friedenspfeife wird durch Zapfhähne ersetzt.
Nun zu meiner Funktion in dem Wahnsinn:
Für die Thor wurde händeringend nach einem Steuermann bzw. Kapitän gesucht, also habe ich mich breit schlagen lassen und zum ersten mal zugesagt. Eigentlich brauche ich derartige Veranstaltungen nicht und zukünftig noch weniger. An Bord war die übliche Stimmung, alles in ziemlichem Streß. Die Thor macht zwei, manchmal sogar drei Fahrten am Tag, wo Gruppen oder Einzelgäste für ein paar Stunden den langen Hafen hinaus und wieder herein gefahren werden. Die Thor braucht dringend das Geld, die letzte Grundsanierung mit 3 Millionen muss wieder herein gewirtschaftet werden. Also um 6 bzw. 6.30 Uhr aufstehen, erste Arbeiten und ab 9 Uhr los. Abends legt man gegen 22.30 Uhr das letzte mal an, anschließend selbst noch ein Bierchen und gegen 1 Uhr in die Koje. Dazwischen viele Manöver, tausend Fragen beantworten, Gäste in die Wanten aufentern helfen und Bier (nur für die Gäste!) zapfen. Ab und zu kommt die Presse und fragt, fotografiert und man ist ein Teil des Ganzen. All das dauert eine Woche, gefühlt aber Monate. Eigentlich brauchen alle danach erst mal 3 Wochen Urlaub.
Kiel ist im Ausnahmezustand, alles leicht Plemplem. Überall Buden, Fahrgeschäfte, Krach - man wird schneller Arm als Glücklich. Am ersten Samstag Abend fuhr ich noch mal mit zwei Gästen mit dem Schlauchboot in einen Seitenkanal um dort einer Veranstaltung zuzusehen, wo man mit Fahrrädern sich ins Wasser stürzt ?! Wie gesagt, alle Plemplem. In dem Kanal lag auch ein Boot der Polizei und einer von denen hatte an Land wohl einiges zu tun. Bei näherem Hinsehen sah ich eine Person am Boden liegen und der Poli war anscheinend etwas Ratlos. Ich fragte dann mal, ob ich was helfen kann (Rettungsdienst) worauf der Kollege im Boot sehr erleichtert meinte, das sie eine bewußtlose Person hätten (mit der sie nicht viel anfangen könnten). Ich also an Land zu den zwei Hilflosen. Der Poli war sehr erleichtert, das ihm jemand die Verantwortung abnahm. Dort lag ein 13 jähriges Mädel, Sternhagel voll, nicht mehr ansprechbar. Ich sagte dem Poli, das er sofort einen Rettungswagen anfordern soll, was er auch gleich tat. Trotzdem mußten wir 25 Minuten warten, bis die dann durch die Massen zu uns kamen. In der Zeit mußte ich das Mädel 3 mal Reanimieren...
Am Sonntag kam dann ein anderer der Polizei auf die Thor und bedankte sich für die Hilfe. Bis dahin hatten die ja gar nichts davon mitbekommen und als die Polizei kam, schauten sie erst mal alle ganz entsetzt. Nun ist mein Ruf endgültig ruiniert. Wenn man schon bewußtlose Mädels....
Aber das blieb dann auch eine Ausnahme.
Dafür gab es noch ein anderes Erlebnis, was erwähnenswert ist. Wenn man auf der Thor unter Maschine fährt und von Vorwärts- auf Rückwärtsfahrt umschaltet, muss das geschehen, indem man die Maschine stoppt, die Ventile umsteuert und dann springt die Maschine wieder rückwärts an. Beim Anlegen (wo man ja öfters mal hin und her schaltet) also ziemlicher Streß und auch etwas Arbeit.
Bei einem Anlegemanöver saß ich im Beiboot (was wir oft zur Unterstützung brauchen) und die Thor schwenkte in den knappen Parkplatz ein. Ganz langsam fuhr die Thor nach vorne, der Platz wurde immer knapper. Ich zeigte zur Brücke den noch verbleibenden Platz an, gerade mal 7 Meter. Knapp, aber man wird dort schon wissen, was man macht. Die Reaktion dort war aber alles andere als begeistert, zumal ich langsam, mittels Finger, herunter zählte 6 – 5 – 4 leichte Hecktik auf der Brücke, die Thor wurde eher schneller als das sie nach Hinten strebte 3 – 2 – 1 – 0. Mit einem Ruck wurde an dem vorderen Schiff festgemacht – was so eigentlich nicht üblich ist.
Später erfuhr ich, das beim umkuppeln der Vorwärtsgang noch eingelegt war und – als keinerlei Bremswirkung zu merken war – eher noch Gas nach vorne gegeben wurde, was aber keiner bemerkte. Der „Stampfstock“ war hinüber, wurde aber sofort repariert. Hier die Bilder, die wohl alles erklären:



Hier der reparierte „Stampfstock“.
Wie knapp das ganze war, kann man hier erahnen:

Viel Luft war da nirgends mehr, zum Glück wurde niemand verletzt.
Die Abschlussparade war dafür ein voller Erfolg. Die Thor war ja Führungsschiff. Bereits vorher war öfters das Fernsehen an Bord und drehte Berichte ohne Ende – die dann allerdings nur sehr verkürzt zu sehen waren.
Hier mein Lieblingsreporter...
http://www3.ndr.de/sendungen/entdeckerlust/media/kielerwoche366.html
bei Minute 12 bin ich mal kurz zu sehen...
bzw. ein Zeitungsbericht:
http://www.kn-online.de/microsites/kieler_woche/kieler_woche/158256-Thor-Heyerdahl-bei-Windjammerparade-vorn.html
mit Bildern...
Unterm Strich der blanke Wahnsinn in Tüten, den keiner wirklich braucht. Für die Traditionsschiffe ein Muss, weil nur so Geld in die Kasse kommt und für die Touristen ein Highlight. Für die Besatzungen die Hölle und für die Sportbootfahrer eine willkommene Abwechslung.
Nebenbei wurden bei den Regatten einige Siege errungen (die sich mir aber nicht erschlossen) und wohl sportlich auch ein Muss.
Die Schausteller waren zufrieden – also alle haben etwas verdient. Es gab auch sonst einige nette Attraktionen und das Wetter war auch ganz gut. Was will man also mehr?
Ich kann nur sagen, ich brauche es nicht noch einmal. Jedenfalls nicht freiwillig. Anderseits habe ich gehört, es soll auch Wiederholungstäter geben.......
Gruß
Ulli
Last changed: 06.07.2010 at 19:43
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