Träumen erlaubt - Sandy Island und Trinidad
"Dienstag, wieso Dienstag? Dann fehlen mir zwei Tage!" Stephan steht vor uns und
horcht in sich hinein. "Freitag, ist noch klar." Bevor es losgeht, wird noch die
"Sailingdream" geparkt. Nein, nicht festgemacht, geankert oder so. Sonden regelrecht
geparkt. Das geht ganz einfach. Rein in den Travellift und rückwärts mit vier
hydraulisch gelenkten Rädern auf den Platz von "Power Boats" (der Werft in
Chaguaramas), von der ich nur Gutes berichten kann. In wenigen Minuten ist die Yacht
aufgeprallt. Strom, Wasser und Leiter verlegt. Nein, nein, defekt ist nichts. Hier geht es
nur um Sicherheit, Kosten und Komfort. Die Werftkosten übernimmt der Veranstalter,
weil er während des Karnevals das Antifouling erneuern und den Rumpf polieren lässt.
Das schont die Bordkasse.
Die wenigen Wasserliegeplätze sind auf Monate ausgebucht. Wer zum Karneval nach
Trinidad will, liegt mit hundert anderen Yachten vor Anker, in der großen Bucht
Carenage Bay. Und dann heißt es von Freitag bis Mittwoch: Wer das kürzeste
Streichholz zieht, hat Bordwache. Dazu ein Dinghi für acht Typen, die alle zu
unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten und in unterschiedlichster Verfassung an
Bord wollen. Da schwimmst man schon mal morgens um fünf durch die halbe Bucht,
um in die Koje fallen zu können. Denn das Dinghi ist garantiert immer genau dort, wo
es nicht gebraucht wird. Die Werft verfügt über die saubersten Duschen und Toiletten
von Trinidad - da kommt Freude auf. Die Werftkneipe, keine 50 Meter entfernt, ist Tag
und Nacht der Treffpunkt von "Yachties" und Einheimischen. Die preiswerten Speisen
schmecken zwar einfach, sind dafür aber auch einfach gut. Die Mädels, die sie mit
breitem Grinsen servieren, haben immer einen Insidertipp für die nächsten 12 Stunden.
Mit dem Dinghi geht's in zwei Minuten in die Marina zum eleganten "The Lighthouse",
ein für seine Küche bekanntes Restaurant. Alles in allem eine gute Idee, höre ich.
Wie war das mit den besten Tipps? Rein in die Stadt und früh genug Karten holen für
eine Open Air Party in St. James. Der Platz ist völlig umgeben von Häusern, daher fühlt
sich der Schalldruck der Musik an wie Sturmtraining. Das geht nur mit Papierfetzen in
beiden Ohren. Am Anfang war Stephan noch da. Irgendwann sah ich ihn mit Händen
und Füßen auf dem Boden (Brücke rückwärts sagt der Sportlehrer dazu) und eine
hübsche, junge Kreolin tanzt auf - Entschuldigung - mit ihm. "This I like!" ruft sie und
verdreht die Augen. Bestimmt meint sie die Musik. Für zwei von uns Männern ist der
Abend schnell zu Ende. Wir eskortieren zwei unserer Mitseglerinnen, denen die laute
Pressluft nicht bekommen ist, zum Schiff. Gar nicht so schlecht, so bekommen wir ein
wenig Schlaf vor dem nächsten Highlight, dem Festival "Soca Monarch" am folgenden
Abend im Queens Park Savanna. Vier Tage und Nächte durchfeiern, auch ohne
Alkohol schafft man nicht.
Am nächsten Tag kam Stephan mittags zum Frühstück. Müde, aber in sichtlich guter
Laune. Wir hörten zum ersten Mal den Namen "Elizabeth". Mir ist bis heute nicht klar,
wie man bei dem Lärm auch nur Namen austauschen konnte.
Aber zurück zum Soca-Festival: Die hinteren Leute schieben, bis vorne gar nichts mehr
geht. Arme rauf oder runter und dann so bleiben. Fünfzehntausend durchgeknallte
"Trinis" können ganz schön verdichten. Also, ich liebe Livekonzerte und habe schon
einiges erlebt, aber was hier auf der Bühne und im Publikum abgeht, kann man nicht
beschreiben. Du klebst an vier nassen Körpern und wirst im Rhythmus bewegt, ob du
willst oder nicht. Auch wenn du als Stock auf die Welt gekommen bist, hier wirst du in
einer Nacht zum "Mister Dirty Dancing". Zuviel wurde es mir dann beim Refrain "Put
your hands in the air - raise your flag". Das ging eigentlich gar nicht, aber gemacht
haben es doch alle. Also Überlebenstraining zurück in Richtung Mischpult. Endlich
kann ich wieder atmen und der Gruppe neben mir zuschauen. Schwarze, glänzende,
natürlich nackte Oberkörper, die Shorts auf halb acht, unten Nikes an den Füssen und
oben Glatze. Ach ja, und dazwischen ein breites Lachen und ein so freundlicher Blick
aus blitzenden Augen, dass du weißt: hier bist du richtig. Die Regeln sind einfach: In
ist, mit wem der Boss sich beschäftigt. Also tanzen die Mädchen solange um ihn
herum, bis er sie kurz antanzt. "Wining" nennt man das und dann sind sie "in" und
zeigen jedem, was sie so drauf haben - tanztechnisch gesehen... Mein Pech, dass der
Boss Gefallen an mir fand und mir seine Pranke auf die Schulter hieb. Ich will's kurz
machen: Die folgenden drei Stunden sind ein weiteres Highlight in meinem
Seglerleben. Was da musikalisch los war? MTV schauen und die Lautstärke auf
Anschlag drehen.
"Sonntagmorgenmittag" erzählt Stephan etwas von Frühstück bei den Eltern seiner
studierten Ölingenieurin Elizabeth. Der war wohl in einem anderen Film, zumindest die
zweite Hälfte der langen Nacht. Heute ist "leisere" Musik angesagt - der große
Karibische Steelband-Wettbewerb. Hundertzehn Menschen dreschen mit
zweihundertzwanzig Holzstöcken auf zweihundertfünfzig Ölfässer, und zwar
gleichzeitig. Acht solche Bands kämpfen um den Meistertitel. Jede Gruppe wird auf
vielen, kleinen Eisengestellen von den Fans durch die Straßen gerollt und spielt sich
warm für den großen Auftritt vor der Jury. Mein Tipp: Von den Desperados überrollen
lassen. Die Abstände zwischen den Rollgestellen sind gerade mal breit genug, dass du
dazwischen passt. Wenn du genau in der Mitte der Band bist, umdrehen und mitgehen.
Deine Augen, deine Ohren, dein Zwerchfell - ein Fest für die Sinne!
An diesem Abend muss Stephan sich wohl für ein längeres Gespräch bei Elizabeths
Eltern befunden haben. Wir haben ihn jedenfalls aus den Augen verloren. Steelband-
Wettbewerb geht nur bis Mitternacht, also noch Zeit für die große Open Air-Party. Die
geht im "MoBS 2" (der Ort für die angesagtesten "Trinifetes") ab, aber live auf vier
Bühnen gleichzeitig. "Die Schlange vor der Kasse (morgens um eins) ist kilometerlang.
Jeder zweite kommt mit Drinks in der eigenen Eisbox. Innen der große Showdown.
5000 junge Damen zwischen 16 und 21 (alle Konfektionsgröße 36 und
waffenscheinpflichtig) sind dementsprechend an- bzw. ausgezogen. Sie stehen auf der
Stelle; wippen im Takt mit meist kugelrunden Achtersteven und lassen sich von 5000
aufgebretzelten Jungs feiern. Die Musik ist okay, der Event eher langweilig. Stephan
bleibt verschwunden.
Heute Nacht ist Großeinsatz: "J' ouvert" nennt sich das Event. Für 50 $ bekommst du
ein T-Shirt, ein Bändchen ums Handgelenk für kostenlose Drinks und jede Menge
Farbe auf deinen Körper. Um zwei Uhr morgens geht es los. Jeweils 100 bis 1000
Menschen tanzen bis mittags. Generator, Verstärker, vier Meter hohe Lautsprecher und
oben drauf der DJ. Fast gar keine Touristen, nur unsere Crew. Diese "Lokalen
Folkloretänze" dürften im deutschen Fernsehen erst nach 22.00 Uhr gezeigt werden.
Wir sind stolz auf unsere coolen Ladies. Die Loveparade ist ein echter
Kindergeburtstag dagegen. Die Putzfrauen der Werft spritzen kichernd mit dem
Feuerwehrschlauch die Farbe von unseren Körpern und Gesichtern. Stephan hat grüne
und blaue Dispersionsfarbe an sich. Er muss also auch bei J' ouvert gewesen sein,
kann sich aber an nichts erinnern.
Am nächsten Tag ist die Parade angesagt. Zum ersten Mal all die "Trinis" im Hellen?
Auch unsere Frauen freuen sich schon und stellen erste unfaire Vergleiche an.
Zuschauen gibt es allerdings in Trinidad nicht. Also durch die ganze Stadt tanzen - an
und auf der Bühne. Man muss die Explosion der Körper erleben, mittendrin sein,
mitmachen und vergessen, dass man als Stock geboren wurde. Kostüme auf Rädern,
so groß, dass der Mensch darin kaum zu finden ist. Verkleidungen, die an die
Sklavenzeit erinnern bis zu regelrechten Kunstwerken bilden den Rahmen für ein fast
unkontrolliertes Ausleben der Lebensfreude. Welcome to the greatest party on earth.
Und über dem ganzen Getümmel schweben in vier Meter Höhe die Stelzenläufer, Moko
Jumbis genannt, die Geister der Vergangenheit.
Stephan wieder da und der Karneval fast vorbei. Aschermittwochsmorgens geht es
noch einmal zum Maracas Beach. Die Top-Acts des Karnevals laden zur Strandparty
ein - it's a must. Die Haifisch-Burger "Bake 'n shark" mit 20 Soßen und Beilagen eine
Delikatesse. Die besten Künstler locken auf der Strandbühne mit ihren "Wining-Songs",
die wir alle jetzt schon seit Tagen mitsingen.
SEGLERTIPPS
• Termin: wie in Köln aber ohne Alaaf
• Alkohol: Betrunkensein ist verpönt. Geht auch nicht so richtig, weil sonst das
persönliche Programm zusammenbricht.
• Verbrechen: Wir haben nie Probleme gehabt, weil wir uns richtig benommen
haben: keine Kamera, keine Rolex, kein Touri-Gehabe.
• Geld: Gehört in die Schuhe, weil 5-mal pro Stunde Hände in deinen Taschen
wühlen.
Tobago
Tobago, die kleine Schwesterninseln Trinidads, hatten wir schon auf dem Hinweg
angelaufen oder besser gesagt angeschlichen. Die Buchten auf beiden Seiten der Insel
vergraulen uns Segler mit starkem Schwell. Man muss im Süden um die Insel herum
und in den Haupthafen Scarborough. Das klingt einfach, ist aber in den Antillen eine
der schwereren Übungen. Genau durch die Enge setzt viel Strom gegenan und der
Wind dreht in der Düse bei jeder Wende mit, natürlich auch gegenan. Durch dem Ufer
vorgelagerte Riffe, können wir uns nicht "an der Wand lang" schleichen. Das bedeutete
einen langen Tag und eine lange Nacht mit fünf Mal Bohrinsel querab (fünf Mal die
Gleiche). Hier wurde mir der Wert unserer neuen Dyneema/Spectra-Segel von Beilken
klar. Ohne sie hätten wir Tobago wohl streichen müssen.
Die sehr herzliche Bevölkerung, der älteste geschützte Regenwald der Karibik und das
Fehlen von touristischen Errungenschaften machen die Insel überaus sympathisch.
Skippertipp:
• Jawohl, der Hafen ist grässlich.
• Nein, keine Duschen, keine Marina.
• Ja, Einklarieren easy.
• Für Romantiker: Die Rundfahrt (z. B. Mountainbike) so planen, dass man vor
dem Sonnenuntergang auf der letzten Klippe sitzt. Dann Rotwein, Käse, Weißbrot und
Händchen halten. Das hat was.
Grenada
Unsere "Sailingdream" ist trocken und will wieder schwimmen - also klarieren wir
Richtung Grenada aus. Na, war das ein Spaß. Die pechrabenschwarze Lady an der
Immigration wollte uns mal zeigen, wie man die Nachfahren der Leute behandelt, die
ihre Vorfahren in die Karibik exportiert haben. Drei Stunden Schikane vom Feinsten.
Leider hatte sie alles verlegt, konnte aber nicht danach suchen, weil sie zu korpulent
war, um aufzustehen. Zum Schluss die Ausweise: Pass 1 bis 7 nahm sie in süffisanter
Siegermanier entgegen und dann mein kleines persönliches Highlight an diesem
Nachmittag: Der achte Pass war schwarz (nicht rot wie die deutschen Pässe) und ihr
Gesicht wurde so blass, wie ein schwarzes Gesicht nur werden kann. Da hatte doch
ein Diplomat aus Trinidad diese "Opera Buffo" in voller Länge über sich ergehen
lassen, sozusagen in der ersten Reihe Mitte. Hier soll allerdings kein falscher Eindruck
entstehen: im Allgemeinen sind die Behörden sehr korrekt, aber höflich, schnell und
hilfsbereit.
Prickly Bay, Grenada. Ein herzliches Willkommen in der Mini-Marina. Unterwegs haben
wir wie immer Fisch gefangen. Bald sind die Filets auf dem Heck-Grill. Wir liegen vor
Anker, genießen die Ruhe nach dem langen Ritt und freuen uns auf die "Happy-Hour".
Manchmal ist man dümmer, als die Polizei erlaubt. So war das zumindest bei mir in der
Prickly Bay. Liegt da doch rechts neben uns die "Velsheda" (für nicht Eingeweihte:
diese alte J-Class Yacht ist so etwas wie die Gina Lollobrigida unter den Yachten).
Jeder weiß, dass es sie gibt und atmet tief ein, wenn er sie sieht, aber kaum einer
weiß, wie sie sich anfühlt. Vier Tage lag ich mit der "Sailingdream" neben der Grand
Old Lady und habe sie mit meinen Augen gestreichelt. Nie war einer zu Hause, also
blieb es bei einer platonischen Liebe. Stattdessen habe ich mich mit einem Skipper
angefreundet, der auch auf irgendeiner Yacht auf seinen Einsatz wartete. Der Typ war
in Ordnung. Wir hatten viel Spaß, arbeiteten hart an einer Cocktail-Bestenliste und
hatten viele Themen außer Politik, Fußball und Schiffen. Plötzlich war Gina bzw. die
"Velsheda" morgens weg. "Schade", sagte ich zu meinem Liegeplatznachbarn zur
linken, "diese Yacht hätte ich gerne mal von innen gesehen". "Ja, warum hast du denn
nicht den Skipper gefragt?" "Den Skipper? Den kenne ich doch gar nicht!" Nachdem
mein taktvoller Nachbar seinen Lachanfall auskuriert hatte, klärte er mich schonend
auf: "Du Trottel hast doch jeden Abend mit ihm an der Bar gesessen."
Skippertipps:
• Smalltalk auf Kanal 72
• Handwerk: Holz, Plastik, Polster: Material und Arbeit ist korrekt und preiswert,
wenn man den Richtigen findet. Bei Segel und Motor haben wir keine Erfahrung.
• Werft: "Powerboats" hilfsbereit, korrekt und preislich OK.
• Catering: Lebensmittel so preiswert, dass wir für volle 4 Wochen gebunkert
haben.
• Verkehr: Bus ist easy und billig, Daumen hoch und der Nächste hält. Taxen mit
Konzession haben im Nummerschild ein H.
• Timing beachten: Nach Grenada geht es 15 Stunden gegen an. Wenn es geht
tagsüber ankommen, weil die Prickly Bay im Süden vorgelagerte Riffe besitzt, also
abends los.
• Dieser Platz ist gut für Crewwechsel, Ein- und Ausklarieren. Waschmaschine
Kneipe und Bäcker sind vorhanden, viel mehr aber auch nicht.
St. Georgs
Wir haben die Stadt genossen, mit ihren Zuckerbäckerhäusern, mit Rudolf, dem
Oberösterreicher (der Segler mit seiner Küche glücklich macht), mit dem Markt und
dem unglaublichen Verkehrspolizisten, der bei Fred Astaire Tanzschritte gelernt haben
muss. Allerdings haben wir auch hier die aggressivsten Bettler erlebt (wir kannten nicht
die Spielregeln) und fühlten uns das ein oder andere Mal unwohl. Wir hatten den
Eindruck, dass diese Menschen durch das kaum vorhandene soziale Netz gefallen sind
und wirklich ums Überleben kämpfen müssen. Sicher ist, dass städtische Ballungen,
wie es sie in der Karibik zum Glück nur ganz selten gibt, die Menschen verändern.
Über zwei Millionen Kreuzfahrt-Touristen (kein Schreibfehler) werden die Fronten
weiter verhärten.
Ein Erlebnis besonderer Art ist Patrick. Sein "Happening" ist allerdings unterschiedlich
ausgeprägt, je nach seiner Tagesform und je nachdem, wie hübsch der Skipper ist.
Tagsüber tourt er auf einem Fragment das einmal ein Ruderboot war von Yacht zu
Yacht und bietet sich (ich meine natürlich seine Küche) den Seglern an. Gegen seine
beiden Köchinnen sind die Weather Girls magersüchtig. Es kann schon mal
vorkommen, dass Patrick hinter einem Gast steht und ihn in den vollendeten Gebrauch
der verschiedensten Messer, Löffeln und Gabeln einweist. Prädikat: sehr
empfehlenswert.
Grenada gleich Gewürze? Da bin ich nicht der erste, der das schreibt. Es ist aber
wirklich eine schöne Tour, z. B. mit Selwyn Maxwell (VHF 68 Taxi) als Chauffeur all das
kennen zu lernen, was zuhause in der Küche durch die Streudosen rinnt. Und danach
geht's zu den Concord Falls. Lohnt sich auf jeden Fall und auf dem Fußmarsch dorthin,
sieht man vielleicht ein paar Freeclimber, die gegenüber in der Wand an ihren Fingern
hängen. Wenn ich sehe, wie diese Typen ihren Körper, ihren Verstand und ihren Mut
unter Kontrolle haben, werde ich kleinlaut.
Von Grenada nach Norden Reservezeit einplanen. Ganz oben an der NNW-Ecke der
Insel liegt noch ein sehr schöner Wasserfall, der in fünf Minuten zu Fuß erreichbar ist.
Allerdings führt keine Straße dorthin. Dieser Garten Eden gehört allein uns Seglern. In
der Bucht zeigt eine weiße Boje, dass wir den richtigen Platz gefunden haben. Ich als
Skipper bleibe an Bord und drehe Kreise, weil ich dem Zustand der Mooringkette nicht
traue. Die Kameras müssen wegen der kleinen Brandung wasserdicht versorgt werden.
Dann geht's weiter, natürlich hoch am Wind. Mit neun Knoten gegenan, ein Genuss mit
den neuen Beilken-Segeln. Bei "Kick ´em Jenny" empfiehlt es sich, einige Seemeilen
wegen unterseeischen vulkanischen Aktivitäten Abstand zu halten.
Wenn man nicht von Carriacou in die Tyrrel Bay will (das südliche Riff ist weiter als in
Handbuch und Karte beschrieben), weil man die Zeit für andere Ziele sparen möchte,
dann lieber weiter bis Sandy Island und erst dort ankern. Von hier aus kann man auch
recht einfach zum Einklarieren nach Hillsborough, einem kleinem verschlafenen,
karibischen Nest. Spätestens hier und jetzt beginnt die "Never ending Story". Jemand,
dem es sichtlich schlechter geht als dir, möchte dir einen Dienst anbieten, den du gar
nicht willst, und möchte dafür mehr Geld, als du geben willst. Das ganze nicht in
asiatischer leiser Höflichkeit, sondern in karibisch lauter Bollerichkeit, hinter der sich
aber nur Verlegenheit verbirgt. Seit Jahren verfolge ich die Veröffentlichungen über
diese "Helferplage". Meine Meinung hat sich darin nie widergespiegelt: Ich vergleiche
das einmal mit einem Drehkreuz am Nordseestrand, in das ich meine Kurkarte stecken
muss. Brülle ich das an? Lande- und Startgebühren, Ein- und Ausreisesteuern zahle
ich kommentarlos. Selbst Marinagebühren sind okay, denn ich bekomme dafür Wasser,
Strom, Steg und Sicherheit. Diese Helfer sammeln doch im Grunde nur die Kurtaxe ein
- direkt und ohne Verwaltungsaufwand. Es ist ihre Bucht und sie verkaufen eine
touristische Leistung. Ich finde das absolut okay. Mir macht es Spaß, meinen jeweiligen
"Buchtpartner" kennen zu lernen, mit ihm eine viertel Stunde zu plaudern und ihm zu
zeigen, dass ich gerne mit meiner Crew bei ihm zu Gast bin. Also ist mein Boot gut
bewacht und wenn ich wiederkomme, werde ich freundlich begrüßt. Das man über
Preise verhandelt, müsste uns als Wirtschaftsnation doch geläufig sein.
Skippertipps:
• früh genug losfahren. Sandy Island sollte bei Licht angelaufen werden
• St. Georgs Yachtclub: alles ist anders, als es in der Karte eingezeichnet ist.
Trotzdem ist es aber einfach. Die neue 500 m Pier in der Mitte wurde für die
Kreuzfahrtschiffe verlängert. Rechts davon geht´s durch die Bojen zum Club. Das linke
Becken ist für die Einheimischen, die Fähren und die Fischer. Mit dem Dinghi kann
man quer über die Bucht, falls Ein- oder Auschecken anliegen.
Sandy und Union Island
Wildes Trinidad und quirliges Grenada ist die eine Seite der Karibik. Jetzt beginnt die
zweite Seite, die langsame Lebensart. Nicht schlechter, einfach nur anders. Erste
Übung: fünf Stunden Sandy Island genießen. Kann noch lange nicht jeder - auf Anhieb.
Dann noch passender Weise ein neues T-Shirt: "Live Slow, Sail Fast". Zwei Stunden
sind es nach Union Island. Ein Luvhafen. Hier in der Karibik eine seltene Sache, also
ein bisschen aufpassen. Der rechte Steg gehört dem Yachtclub (hammermäßig, diese
Haie im Bassin vorm Restaurant). Was Mama kann, kann Sohnemann besser (der
Yachtclub gehört der Mutter - das Restaurant nebenan dem Sohn). Der mittlere Steg
gehört dann auch zur Bougainvilla. Familienkonkurrenz und umwerfend gutes aber
leider verständlicherweise teures Essen. Wir fahren lieber gleich weiter zu Lambert -
genannt Lambi. Bei Lambi liegen heißt kostenloser Liegeplatz und kostenloses Wasser
(was ich in Union ohnehin nie bunkere, da es von zu weit her angeliefert und nicht nach
deutschen Maßstäben gebunkert wird).
2004, als ich das erste Mal auf Union Island war, gab es eine Müllkippe in der Größe
zweier Fußballplätze, umzäunt von Wellblechhütten, und einen Gastronom namens
Lambi. Heute gibt es nur noch Lambi und Lambi ist Union Island. Lambi beschreiben ist
nicht leicht. Vorab; ich mag ihn, auch wenn man das aus diesen Worten nicht
unbedingt heraushört. Groß ist er, groß und massig. Groß, massig und stark. Wie
immer begrüßt er mich, indem er mich in beide Arme nimmt und an sich drückt. Und
schon bin ich nass. Lambi kann seine Finger nicht schließen, zu viele Ringe haben Sie
gespreizt. Ich habe zugesehen, wie er ein Bier trinkt: Er nimmt die volle Falsche mit
den Lippen auf, kippt den Kopf in den Nacken und lässt das Bier einfach am Zäpfchen
vorbei laufen. Das ganze spielt sich außerhalb seiner Zähne ab. Das soll ihm erst
einmal einer nach machen. "Lambi", sage ich zu ihm "warum hast du diese zehn
Häuser aus Stein dort oben auf dem Berg gebaut? Niemand hat hier Geld, eines zu
mieten oder zu kaufen." "You're right, I like to look at my money...." Aha. "Lamb", frage
ich "wie viele Kinder hast du bis jetzt?" Lambi ist jedes Mal mit einer anderen
verlegenen blutjungen Dorfschönheit unterwegs, die er sich wie eine Krawattennadel
ansteckt denkt nach: "I don't know", sagt er "you know I like to..." Mitsamt seinem
herzlichen Lachen kommt der Sprühregen in meine Richtung. Ich mag ihn, weil er
herrscht und teilt. Union Island wäre ohne ihn wohl ein armes (und kinderloses)
Drecksnest geblieben. Ich mag ihn, weil er so ein karibisches Urgestein ist. Brutal,
offen und ehrlich. Und ich mag ihn, weil er hilft. Zum Beispiel Jutta aus Berlin. "Weißt
du", sagt Jutta, "in Berlin war ich ausgestoßen. Niemand wollte mich um sich haben -
mit meinem Händen. Da bin ich um die Welt gesegelt, bis nach Australien. Dort hatte
ich eine Havarie, nicht mit dem Schiff, sondern meine Zweierbeziehung. Da kam Lionel
und hat gesagt: Du brauchst jemanden, der sich um dich kümmert. So sind wir nach
Union Island gesegelt." Jutta hat sich ihr Haus auf Union Island selbst verdient. Was
und wie sie arbeitet mit ihren, durch Napalm verkrüppelten, Händen? Malen natürlich.
Und zwar so gut, dass die Segler gerne eine Bluse oder ein T-Shirt von Jutta
mitnehmen. Tolles Mädchen! Meinen Respekt hast du.
Was gibt es sonst noch auf Union? Zum einen eine neue kleine Kneipe mitten auf dem
Riff (Prost, ihr Dinghykapitäne), zum anderen einen Flughafen, für den die Piloten eine
Extralizenz brauchen. Er besteht aus einem Hügel direkt vor der sehr kurzen
Landebahn. Was der Pilot zum Landen lernen muss? Ganz einfach, zuerst den Palmen
auf dem Hügel mit dem Fahrwerk einen Scheitel ziehen, dann Gas weg und die Mühle
fallen lassen. Fühlt sich allerdings etwas speziell an - wenn man drin sitzt.
Skippertipps:
• Einklarieren nicht vergessen. Aber am Airport, schon mal gemacht?
• Jetzt geht's los mit Riffnavigation und einen Tauchgang in den Cays klarmachen.
Petit St. Vincent und Petit Martinique
Jetzt erst einmal nach Petit St. Vincent in eines der Top 100 Hotels der Welt. Ganz
schön „schön“. Ohne Rifferfahrung ankert man dort, da wo alle ankern. Mit
Rifferfahrung links an der Insel vorbei, im Sand hinterm Riff. Zwischen Afrika und uns
ist nichts, als ein kleines Riff unter Wasser. Da kommt man schon ins Grübeln. Mit dem
Dinghy an Land, Taschenlampe nicht vergessen. Die Drinks oben sind wirklich zu
empfehlen. So ein Frozen Mango Daiquiri schmeckt einfach nach mehr und ist
obendrein preiswert. Gegessen haben wir da noch nie, wegen der Preise. Gewohnt
auch noch nicht Unser Schiff mit allem Komfort ist von keinem Hotelbett zu toppen. Am
nächsten Tag bunkern wir Wasser, Diesel und Lebensmittel auf Petit Martinique.
Skippertipps:
• Die Untiefe zwischen den beiden Inseln mit Respektabstand umfahren und den
rechten Steg nehmen. Falls ein Offizieller kommt, muss mit Buganker und Heckleine
zum Kopf vom Steg geankert werden. Beim Abfahren Kette lang lassen und erst einmal
s-förmig ins Tiefe fahren. Das Heck ins tiefe Wasser bringen und dann den Anker auf,
sonst drückt einen der Strom auf dem Strand.(Spielraum drei Meter - viel Spaß!).
• Das Wasser ist sauber, der Diesel preiswert und die Lebensmittel billig.
• Nach unseren Informationen darf ohne Aus- und Einklarieren angelaufen
werden.
• Mit vollen Wassertanks in die Cays. Bei Mopion aufpassen wie beim Hinweg, an
Palm Island vorbei (Untiefentonne) und westlich von Mayreau hoch zur Salt Whistle
Bay.
Tobago Cays
Salt Whistle Bay ist ein Hammer. Wer da nicht automatisch zur Kamera greift ist blind.
Eine Bilderbuchbucht mitsamt einem Bilderbuchstrand und einer Pier, auf der "sitting
on the dock of the bay" von Otis Redding entstanden sein könnte. Und das schönste
kommt noch: Morgens früh durch die Palmenreihe auf die Luvseite gehen. Dort findet
man eine garantierte Robinsoneinsamkeit inklusive Brandung. Jedes Mal, wenn ich
dort entlang wandere, wird mir bewusst, dass kein Hotel und kein Touristendampfer
das toppen kann, was wir Segler erleben. Die Crew berichtet von der Front, der
"Waterfront". Apothekenpflichtige Drinks, lustige Restaurantnischen (aber nicht
angetestet). Dagegen schonen frischer Fisch, Heckgrill und Zauberer in der Crew wie
Helfried und Stephan entlasten die Bordkasse. Zudem ist sich niemand zu schade, mal
eben zu spülen. Eine Crew wie aus dem Bilderbuch.
Nach der sorgfältigen Ankerung liegen wir im karibischen Paradies, wenn auch nicht
alleine. Vor uns das "Horse Shoe Reef" und weit draußen das "Lands End Reef". Die
unbewohnten Inseln laden zum Bummeln ein. Windsurfen, Kiten oder Schnorcheln,
alles geht hier und macht Freude. Jean Claude (der mit dem Hund an Bord) hat schon
auf uns gewartet. Zurecht wittert er ein Geschäft. Er macht sie gut - die Lobster. Erst
gekocht, dann gegrillt und mit Beilage, zünftig am Strand und vor dem
Sonnenuntergang serviert. Das ist nämlich wichtig, denn wenn es hier dunkel wird, ist
es hier extrem und sehr schnell dunkel und da macht Lobster essen keinen Spaß mehr.
Bisher war Jean Claudes Lobster immer ein Highlight. Aber aufgepasst: Nicht zu viele
Sundowner trinken, denn nächsten Tag ist Tauchen angesagt.
Mit dem Dinghy fahren wir zur Riffpassage, dann rein ins Wasser. Die Schnorchler
oben, die Taucher mit ihrem Lokalguide darunter und der Skipper im Dinghy, falls einer
der Schnorchler die Strömung unterschätzt. Ein bis drei Meter für die einen, 15 bis 20
Meter für die anderen. Das Ergebnis ist das gleiche - auf dem Rückweg reden alle
gleichzeitig. "Hast du diese riesige Gehirnkoralle gesehen". "Mein erster Rochen"
"Schildkröte, ich habe eine Schildkröte gesehen". Alle sind glücklich, es gibt aber auch
wirklich viele bunte Fische und Korallen hier. Am Abend dann die Katastrophe. Schuld
ist natürlich wieder Stephan. Man legt doch nicht einfach die schwarz gebrannte CD
vom Karneval in den CD-Player, das muss ja schief gehen. Als erster hält Helfried
einen Kochtopf hin und einer haut drauf. Stephan als Schlagzeuger einschlägig
vorbelastet, stellt schnell was zusammen und weist uns ein. Ich bin der mit dem
Messerrücken auf der Fanta Flasche. Acht Schlagzeuger - nein sieben. Helfried wird
als Tankwart gebraucht. Barkeeper kann man bei den Mengen Cocktails, die er in
einen zwei-Gallonen-Kanister zaubert, nicht mehr sagen. Kurz vor Mitternacht sind wir
trocken gefallen. "All ships, all ships, all ships. Whoever brings anything to drink, is
invited to the party." Als die Sonne aufgeht und mir meine Fantaflasche aus den
erschöpften Händen fällt, sind wir 28 Leute an Bord und keiner hat sich beschwert, es
sei zu voll auf dem Schiff.
Ein bisschen Schlaf, die "Sailingdream" streicheln (sprich aufklaren), der Versuch,
wieder feste Nahrung zu sich zu nehmen und die Adressen der neuen Freunde
einsortieren. Jetzt aber Anker auf und raus nach Canouan, einer Bucht im Süden samt
Hotel. Das Essen soll sehr gut sein, allerdings sollte man reservieren. Durch einen
kleinen Wald (Nein, nicht Eichen und Buchen, sondern einfach nur Palmen) gelangen
wir in eine kleine Bucht in Luv. Hier führen uns die Pelikane vor, wie sie Fisch fangen.
Manchmal mit weniger als zehn Meter Abstand. Sehr beeindruckend.
Skippertipps:
• Salt Whistle Bay ist einer der wenigen Plätze, an dem der Anker nicht gerne
greift. Weit vorfahren und ganz lang Kette stecken. Anker sorgfältig rückwärts
einziehen und zur Not einen zweiten Anker davor stecken.
• Crewtipp: Genießen, so schön ist es nicht überall.
Bequia
Wir segeln weiter nach Bequia, dem Treffpunkt der Weltumsegler. Es gibt eigentlich
keinen erklärbaren Grund, aber diese Insel erobert uns alle mit ihrem Charme. Einmal
ums Riff und Anker vorm Frangipani geworfen, dann noch 50 Meter mit dem Dinghy
und endlich rein in die weißen Stühle am Strand. Augen halb zu - Ohren weit auf. Das
Pfeifen der Frösche, die kleine Steelband, die haarsträubenden Geschichten an der
Bar (die natürlich alle wahr sind) und ab und zu dies leise Lachen einer glücklichen
Frau - that's life. In der Crew wird ein Thema diskutiert, was passiert, wenn man hier
natürlich ganz aus Versehen, sein Rückflugticket verliert....
Auch das Frangipani hat seine Geschichte. Gebaut wurde es als Haus eines
Walfängerkapitäns, danach wurde es zum Rathaus von Bequia. Heute gehört es dem
Premierminister von St. Vincent and the Grenadines. Freitags schaut er immer mal
rein. Daneben das "Gingerbread". Es gehört seiner ehemaligen Frau, einer englischen
Prinzessin. Sie führt dieses Haus königlich - unsere Crew ist aber heute nicht so für
das Feine. Was man in Bequia besichtigen soll? Gar nichts. Einfach rumhängen und
den "Princess Margarets Beach" bevölkern. Na gut, ein Besuch im Walfängermuseum
kann nicht schaden. Immerhin hat Bequia bis heute noch Walfangrechte und nebenan
auf Petit Navis liegen die Knochen neben dem großen Kessel. Dem Skipper hat der
Besuch auf der Schildkröten-Farm am meisten Spaß gemacht. Da ist doch eine Lady
auf die Idee gekommen Schildkröten aufzuziehen und sie wieder auszusetzen.
Hochachtung vor soviel Idealismus und Power. Die Crew drückt ihr die Daumen, dass
es klappt.
Auf der Theke der Immigration liegen die grünen Formulare. Die Lady schaut mir zehn
Minuten beim Ausfüllen zu. Endlich bin ich fertig und schiebe sie zu ihr. Sie lächelt mich
freundlich an "wrong paper" sagt sie und gibt mir die selben Formulare in Rosa.
Unseren Abschiedsdrink nehmen wir in oder besser vorm "Port House". Drei mal drei
Meter im ersten Stock, da stehen die meisten Gäste lieber auf der Strasse davor. Es
fällt schwer sich vorzustellen, ab übermorgen wieder der zu sein, der man vorher war.
Wir beschließen, die Zeit in Deutschland, einfach "Pause" zu nennen. Pause bis zum
nächsten gemeinsamen Törn. Dann wird es zu den Elefanten in St. Lucia, dem Strand
von Mick Jagger und den Kokosnüssen von St. Vincent gehen. Im Flieger lese ich die
neue Ausgabe des größten europäischen Segelmagazins. Titelthema: 50 % aller
Crews sind reine Männercrews. Ich schließe die Augen und überlege, wann mein
letzter reiner Männertörn war. War das vor 2 oder vor 3 Jahren? Ich kann mich nicht
mehr erinnern.