Logbuch

Reiseberichte und Anekdoten des Weltumseglers Ulli Barth

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Es ist nicht immer alles wahr, was stimmt.... (14:07, 20.02.2012)

Man versuchte wirklich mit allen Mitteln diesen Bericht zu verhindern....

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Tötet den Hafenmeister! (14:53, 22.02.2012)

Hier ein paar Gedanken, die einem als Skipper so durch den Kopf gehen,...

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Schiff'le versenken (19:29, 19.06.2011)

Im März 2011 wurde ein Schwerwettertraining auf der Nordsee (Cuxhaven - Helgoland) durchgef&uum...

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Hurtig oder sakte Fart - Im Land der Steinreichen (18:42, 28.04.2011)

Für alle, die schon immer mal in den Norden wollten - hier geht es wenigstens als Lektüre....

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Ebenfalls leidender Kollege (16:18, 22.12.2011)

Also nicht nur ich....

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Südsee

Seitdem ich 16 bin, zähle ich rückwärts, ich zähle die Jahre, die es noch dauern wird,
bis ich mit eigenen Sinnen erlebe, was ich in den wenigen informativen Büchern, die
es über Polynesien gibt, gelesen habe. Gelesen, aber sicher nicht verstanden. Zu fremd waren die beschriebenen Sitten und Gebräuche. Zu unglaublich die Berichte über das Wesen der Einheimischen. Heute weiß ich, dass mir die Grundlage für das Verstehen fehlte. Die Ruhe und Gelassenheit und dazu noch Zeit im Überfluss. So reich ist in Europa niemand mehr. Mein erster Segeltörn auf die Gesellschaftsinseln vor vielen Jahren stand unter dem Motto: Alles sehen, nur nichts verpassen. In den Reisemagazinen war zu lesen: Bora Bora, das verlorene Paradies. Ja, ich habe die Inseln gesehen, der Zweiwochentörn führte meine Crew und mich von Raiatea über Tahaa, Huahine und Maupiti bis nach Bora Bora, laut Kreuzfahrtschiffprospekt der schönsten Insel Polynesiens. Wir haben dieses Polynesien konsumiert wie eine Besichtigung des Louvre an einem einzigen Tag. Alles gesehen und nichts verstanden. Viele außergewöhnliche Eindrücke nahmen wir mit heim, endlose Sandstrände, unbewohnte Motus (Inselchen), das kristallklare Wasser der Lagune, die atemberaubende Unterwasserwelt schon beim Schnorcheln, das Umrunden der vulkanischen Inseln im glasklarem Wasser von dunkelblau bis helltürkis, herrliches segeln ohne jeden Seegang, freundliche Menschen überall - fast überall. Bora Bora, die viel besungene Schönheit hat sich am wenigsten in mein Gedächtnis eingegraben. Von den Missionaren über die französische Regierung bis zu den Monster-Kreuzfahrtschiffen, von denen oft mehrere gleichzeitig vor der Hauptstadt Uturoa ankern, scheinen alle Einflüsse nur einem Ziel zu folgen, nämlich die Schönheit der Natur zu nehmen und in dieser Natur das Leben so zu verändern, das der Besucher sich möglichst zu Hause fühlt. Ein bisschen wie in Amerika, ein bisschen wie in Japan und ganz viel wie im alten, guten Frankreich. Die vielen Gäste
der Over-Water Bungalows, die alle schönen Lagunen überwuchern, die Kreuzfahrtgäste, die bei jedem Besuch die Einwohnerzahl der Inseln kurzfristig verdreifachen, sie kennen es nicht anders und sie wollen es sicher auch nicht anders. Nicht falsch verstehen, die Gesellschaftsinseln sind das schönste Segelrevier, das sich in den ca. 60.000 Meilen, die ich bisher geloggt habe, kennen gelernt habe. Aber irgendetwas stimmte nicht. Die Sehnsucht, die mich über so viele Jahre zu diesem Ziel getrieben hatte, war nicht erfüllt worden. Ich kam mir vor, wie jemand, der viele gute Bücher über die wahre Liebe gelesen hat und dann seine beste Freundin heiratet.

Wieder zurückgekehrt in den Alltagstrott der Heimat habe ich viele Male die Bilder des Törns gezeigt, all diese Bilder, auf denen ich die Kamera auf die Kulissen und nicht dahinter gerichtet hatte. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich mit Worten versucht habe, den Fotos Seele einzuhauchen. Ich hatte Polynesien bereist wie ein Tourist und hatte bekommen, was Touristen zusteht, eine grandiose Kulisse aber nicht das wahre Polynesien. Einzig die Hotellosen Inseln Huahine und das kleine Maupiti, auf der wir die einzigen Besucher gewesen waren, haben sich tiefer in mein Gedächtnis eingegraben, haben die Sehnsucht nach Polynesien wach gehalten und mich, nach einigen Jahren, wieder hinsegeln lassen. Diesmal eine Woche länger, aber mit halb so vielen Zielen und einem Viertel so vielen "Programmpunkten". So habe ich meine Liebe zu diesem Land und diesen Menschen gefunden. Gastfreundschaft hat sich in Freundschaft verwandelt. Mein Törn zu den Gesellschaftsinseln ist für mich mehr zu einem Heimkommen geworden als zu einem Verreisen. Es gibt sie auch heute noch, die Inseln, in denen die vor fünfzig Jahren geschriebenen Bücher noch aktuell sind. Warum eine so lange Einleitung für einen Bericht über die Tuamotus? Ganz einfach, weil die Tuamotus dem flüchtigen (ungelernten) Besucher, der sie mit europäischen Elan bereist noch schwieriger Zugang gewähren. Hier fehlen sogar die pittoresken vulkanischen Inseln. Sie sind längst versunken und hinterlassen Lagunen von unter Wannsee-Größe bis über Bodensee-Größe gesäumt von unendlich vielen Motus, durchbrochen nur von wenigen Pässen. Die Tuamotus sind eine der wenigen absoluten Landschaften, die ich bereisen durfte. Nein, hier gibt es kein Interconti, keine Hotelshows mit Baströckchen und ach so authentischen Fackeltänzen. Der "Supermarkt" des Chinesen ist vielleicht 10 mal 10 Meter groß, ein Kino, eine Bar, McDonalds sucht man vergebens. Boutiquen sind ein Fremdwort, die Bäckerei erkennt man nur daran, dass einem Menschen mit Brot in der Hand entgegenkommen. Komm an Bord und erlebe die Tuamotus, wie ich sie erlebt habe. Morgens um 6:00 Uhr landet die Transatlantikmaschine in Papeete auf Tahiti. Wir hatten Glück, es waren einige Plätze im Flugzeug frei, wir konnten uns breit machen und einen guten Teil des Fluges verschlafen. Die unwürdige Behandlung beim Tankstopp in LA noch in dem Bereich des Bauches, wo die ohnmächtige Wut zu Hause ist, steigen wir aus der Maschine und bummeln übers Rollfeld Richtung Gepäckband.

Das Empfangskomitee - eine lächelnde Inselschönheit, die jedem ankommenden Gast die obligatorische Tiare-Blüte überreicht und die vier gemütlichen Musiker, die in der Ankunftshalle mit unendlichem Gleichmut immer wieder dieselbe Willkommensmelodie auf ihren traditionellen Instrumenten spielen, heißen uns am glücklichen Ende der Welt willkommen.. Während Gerd auf unser Gepäck wartet hole ich den reservierten Mietwagen ab. Wir wollen gleich morgens zum Markt um für den dreiwöchigen Tuamotus-Törn Obst und Gemüse zu bunkern. Ich liebe den Markt von Papeete, Fisch, Fleisch, Blumen, Früchte, Gemüse, Gewürze und Patisserie und dazwischen ein paar geflochtene Hüte und Taschen. Am Melonenstand einer Einheimischen liegt zwischen den Früchten ihr schwer behindertes Kind und nimmt mit allen Sinnen am Leben teil. Alle hier auf dem Markt sind seine Freunde. Das Einkaufen braucht Zeit. Wer hundert Orangen, 200 Äpfel (Import), 20 Ananas und noch grüne Bananenstauden sucht wird im Markt von Papeete schnell zum VIP. Das geht nicht, ohne Großmutter, Mutter, Tochter und Enkelin kennen zu lernen, lauter helfende Hände und unaufdringliche gute Ratschläge sind um uns mit freundlichem Lächeln. Der Einkauf hilft uns zu Adaptieren, die Schritte und die Sprache zu verlangsamen und die Tür zum polynesischen Leben wieder zu öffnen. Mit Sunsail, der Charterfirma, über die wir seit vielen Jahren aus eigener Erfahrung nur Gutes berichten können, hatten wir vereinbart, die Jacht in der Marina von Tahiti zu übernehmen. Mit deutscher Pünktlichkeit und französischer charmanter Lässigkeit übergibt der Skipper uns die Jacht, wie immer im perfekten Zustand. Das Bunkern der nächsten 700 Kilo Getränke und Lebensmittel im nahen Supermarkt ist ein bisschen so wie überall, große Halle, viele Menschen, 20 Kassen. Das Warenangebot ist fast identisch mit dem in Südfrankreich, einzig die Preise zeigen, dass wir in Polynesien sind. Hier werden Steuern ausschließlich auf den Verbrauch per Mehrwertsteuer erhoben. Hier passt die Einkommensteuererklärung wirklich auf einen Bierdeckel. Apropos, das einheimische Hinano Bier wird nach deutschen Richtlinien gebraut, ist preiswert und schmeckt ausgezeichnet. Wer die berühmten Pirelli-Kalender kennt, sollte sich mal auf der Hinano Webseite die entsprechenden Kalender herunterladen. Beides ein Genuss pur. Zwei Stunden Aerobic mit Gewichten und unser Proviant ist verstaut. Ein paar Stunden Schlaf, Wetterbericht und Navigation, die Überführung nach Fakarava beginnt. Wind von vorne ist des Seglers täglich Brot, wir haben Fakarava als Start der Reise gewählt um die Tuamotus und die anschließende Überfahrt auf die Gesellschaftsinseln mit halben und mit achterlichen Winden durchführen zu können. Unser Schiff ist im Bugbereich schlank genug, um nicht in der gewaltigen Dünung aus Süd allzu sehr zu stampfen, wie immer ärgert man sich beim echten segeln über den Firlefanz, den die klugen Köpfe der größten Werft der Welt nicht verhindern können, weil sich das Schiff auf Messen sonst nicht mehr so gut verkauft. Der schwere Spiegel an der Tür des Badezimmerschränkchens (solch einen Murks darf man wirklich nicht Schapp nennen) lässt sich von dem primitiven Plastikschnapper beim Amwindkurs natürlich nicht halten. Am liebsten würde ich mit dem Akkuschrauber quer durchs Holz die Tür befestigen, aber da dies nicht unser Schiff ist, versuchen wir auf alle mögliche Art und Weise durch Tape und ähnliches das wilde Schlagen dieser schweren Spiegeltür abzustellen. Am besten hilft schließlich der 4 Meter lange Kassenbon des Supermarktes, der fest zusammen gerollt dazwischen geklemmt wird. Die Designer-Abdeckung der Dusche mag in einem Wohnmobil praktikabel sein, hier an Bord brauchen wir ein halbes Dutzend Salonpolster um sie während der Überfahrt ruhig zu halten. Oh nein, ich bin nicht gegen den Hersteller unserer Yacht, für mich haben diese Jachten den besten "Value for money" aber zwei, drei gestandene Segler mehr auf der Chefetage oder etwas kritischere Jachttests in der Fachpresse könnten eine wirklich gute Sache noch besser machen. Wir haben den Seegang unterschätzt, das Obst spielt Bowling,warmes Essen ist gestrichen. Andererseits - wir fühlen uns sicher, wir müssen nicht kreuzen, hart am Wind reicht, wir segeln mitten im Nirgendwo, das ist die Freiheit, die wir meinen. Nach zweieinhalb Tagen begrüßt uns der Pass von Fakarava mit ca. 3 Knoten Strom und kleinen Schaumköpfen auf 50 cm hohen Stehwellen. Tage habe ich verbracht mit der Informationsbeschaffung über die Passdurchfahrten in den Tuamotus. Fakarava empfängt uns mit der Message "Alles halb so schlimm". Zwei,drei Tonnen reichen, um den Weg zum Ort sicher zu machen. Mir sträuben sich die Nackenhaare. Ein ziemlich imposanter Betonpier erwartet uns. Straßenlaternen, ein leerer Vorplatz groß wie ein Fußballplatz, gegen diesen Schwachsinn ist die Sache mit der Eva und dem Apfel noch harmlos. Als einziges Schiff nehmen wir ungefähr 2 % des Piers in Anspruch.


Natürlich sind zuerst die Kinder da. Ihr offenes Lachen ist ein schöner Willkommensgruß. Eine Handvoll Obst als Gastgeschenk und wir sind auf Fakarava eingebürgert. Klar können wir hier liegen. Nein, andere Schiffe werden bestimmt nicht kommen und erst recht keine Großen, denn dazu ist es an der Pier viel zu flach. Größere gesellen sich dazu. Mein Gesicht muss wie ein großes Fragezeichen aussehen. Das ist ganz einfach, erfahre ich. Frankreich hatte noch Geld übrig für sein polynesisches Findelkind. Also haben wir auf Fakarava eine Pier, groß genug für die Queen Mary hinter einem Pass, durch den maximal die Beiboote passen würden. Das kennen wir aus Deutschland, erzähle ich. Da gibt es auch schon mal eine Straßenbrücke, zu der niemand eine Straße baut. Herzliches Lachen und dann die Erklärung, na klar, eine Straße vom Anfang bis zum Ende des Motus haben die Franzosen natürlich auch gebaut. Groß und breit und mit einem Fahrradstreifen für Fahrräder mit ovalen Rädern. 90% dieser Straße werden nicht benutzt, weil sie nirgendwo hinführt, außer zum unbewohnten Ende der Insel. Unsere erste Sorge gilt dem Abholen der Crew, die es vorgezogen hat, nach Fakarava zu fliegen. Nein, ein Taxi gibt es hier nicht. Einfach die Hand heben und mit dem nächsten Pickup zum Flughafen. Dort einen etwas größeren Pickup aussuchen und mit den Freunden und dem Gepäck zurück zur Jacht. Jeder nimmt hier jeden mit und unser Fahrer hat natürlich "zufällig" das gleiche Ziel wie wir. Komisch, nachdem wir ausgestiegen sind, fährt er zwei drittel des Weges wieder dorthin zurück, wo er wirklich hinwollte. Ich kenne das schon von den Gesellschaftsinseln, für meine Crew war es das erste Beispiel polynesischer Gastfreundschaft. Der Platz an der Pier hat seine Vorteile. Im Laufe des Tages erfahren wir alles Wichtige und manches Unwichtige über die Lagune, die Tauchschule, die Kirche und den kleinen Shop. Mehr gibt es über Fakarava auch nicht zu erzählen. Der erste Tauchgang am nächsten Tag macht süchtig. Die beiden Franzosen, die die Tauchschule leiten, das Material, das hoch motorisierte Tauchboot, alles vom feinsten. Unsere Tauchbuddies haben alle Zeit der Welt für uns und führen uns behutsam in die Welt der polynesischen Riffe. 15 Meter sind für den ersten Tag genug, hier ist die Welt noch bunt, die Vielzahl der verschiedenen Fische ist überwältigend.

Nachdem auch der letzte Mitsegler eingetrudelt ist, machen wir die Leinen los Richtung Südende der Lagune. Der Segeltag auf diesem "Binnensee" vergeht wie im Fluge. Wir gleiten vorbei an den schönsten Stränden, die wir je gesehen haben. Alle gesäumt von Palmen in jeder Größe und alle natürlich menschenleer. Im Süden angelangt, wartet am Ankerplatz schon eine Jacht mit einem jungen österreicherischen Weltumsegler-Pärchen auf uns. Die Beiden sind wirklich nett, wissen viel zu berichten und haben so manchen Tipp für uns. Klar, dass es ein langer Abend wird. Fast alle Tuamotus-Inseln werden bei auflaufenden Wasser vom Süden her über die Korallenbarriere mit frischen Seewasser aufgefüllt, das beim folgenden ablaufenden Wasser durch die Pässe im Norden wieder abfließt. Das beschert dem Süden eine andere Landschaft. Wir laufen Kilometerweit über den Sockel aus alter Lava und Korallen und bestaunen all das Strandgut, was die See mit jeder Brandungswelle vor unsere Füße spült. Der Schnorcheltrip in dem flachen Pass macht nicht so viel Freude, wegen des schlechten Wetters sehen wir wenig unter Wasser und die einlaufende Welle bringt kälteres Wasser mit sich. Wie die erste Nacht verläuft auch diese Nacht vor Anker ruhig. Morgens fallen wir im Halbschlaf über die Reling und wachen erst im Wasser endgültig auf. Zurück an Bord erwartet uns eine leckere Überraschung. Elkes erstes selbstgebackenes Brot auf diesem Törn ist nicht nur fotogen sondern echt lecker. Der Rückweg zum Ort wird von mehreren Bade- und Wanderstopps unterbrochen. Manchmal sind die Motus so schmal, dass man von Bord aus hinter dem hellen Wasser der Lagune und dem schmalen Landsteifen das kräftige Blau des Südpazifiks erkennt. Zurück im Ort erwartet uns die Nachricht, dass eine 5 Meter hohe Welle von den Marquesas kommend auf den Weg über die Tuamotus zu den Gesellschaftsinseln ist. Sie wird morgen Abend ankommen. Die seemännische Vorsicht lässt uns unsern Plan, ein winziges Nachbaratoll anzusteuern, verschieben. Hier in der großen Lagune sind wir sicher. Nach kurzer Suche finden wir einen Ankerplatz auf 15 Meter Tiefe. Der Anker hält gut, der Schwoikreis ist auch bei komplett gesteckter Kette frei von Korallenköpfen. Eine Landnase im Süden unseres Ankerplatzes wird uns zusätzlich Schutz bieten. Natürlich gehen wir Ankerwache und zwar die ganze Nacht durch, obwohl Radio Tahiti den Durchgang der Welle schon für 21:00 Uhr prognostiziert hat. Um 21:00 Uhr schwingt die Jacht fast unmerklich um 10 Grad nach Nord und wieder zurück.

Erst am Morgen wissen wir, dass das unsere "Grande Houle" gewesen war. Später erfahren wir im Radio, dass auf Bora Bora mehrere Over-Water Bungalows beschädigt worden sind und auf Tahiti die Surfer die Tube ihres Lebens abgeritten sind. Wir wollen noch einen Tag warten, damit das viele Wasser Zeit hat aus den Lagunen heraus zu fließen.

Die hübsche Kirche lockt mit festlich angezogenen Frauen und Kindern und würdig schreitenden Männern. Drinnen ist es voll, Türen und Fenster sind auf, die kleinen Kinder werden auch während des Gottesdienstes nicht daran gehindert mal eben durch die Gänge zu flitzen und sich neue Arme zu suchen, in die sie sich für die nächste Viertelstunde kuscheln. Was wir in Deutschland als Familienbande kennen gibt es in Polynesien auch, nur sind es hier "Sippenbanden". So eine Großfamilie hat durchaus 80 Mitglieder oder mehr. Es ist völlig normal, dass Kinder bei unterschiedlichen Tanten aufwachsen, obwohl die Mutter auch im selben Ort lebt. Der soziale und wirtschaftliche Schutz, den solch eine Sippe bietet, ist enorm, der Verwaltungsaufwand Null. Natürlich haben wir nicht alles verstanden, was der Pastor predigte, aber als uns "Gäste auf der Segeljacht" ausdrücklich begrüßte und gemeinsam mit der Gemeinde um den Schutz Gottes für uns gebetet hat, war das schon etwas besonderes. Wirklich unter die Haut gegangen sind uns aber die Gesänge der Gemeinde, die den ganzen Gottesdienst begleitet haben. Allein aus diesem Grunde waren wir auf den Tuamotus jeden Sonntag in der Kirche, also ungefähr hundert Mal - so häufig wie in meiner Heimat.

Das nächste Atoll wartet, Toau mit 45 Einwohnern, eine der kleinsten Inseln. Passausfahrt Fakarava um 12:00 Uhr, Passeinfahrt Toau 15:00 Uhr. Das waren die Auskünfte der Fischer und des Leiters der Tauchbasis. Also 11:00 Uhr Anker auf, wir verlassen die Lagune durch den gleichen Pass, durch den wir eingelaufen sind. Leichtes Badewannengeplätscher, der Strom läuft noch ein wenig mit, im Nu sind wir in der Pazifikdünung und stehen 3 Stunden später vor dem Pass von Toau. Schon von weitem sehen wir, dass der angekündigte Stromstillstand heute nicht stattfindet. Im Handbuch stehen 6 Meter Wassertiefe und maximal 6 Knoten Strom. Wir halten uns ganz am linken Rand des Passes, natürlich unter Motor, 50 Meter rechts von uns sehen wir die Stehwellen der Strömung mit ihren imposanten weißen Gischtköpfen.

Es ist wohl noch Wasser von der großen Welle in der Lagune, gegen Ende des Passes wird der Strom so stark, dass ich das Manöver abbreche, weil ich meine zum Teil unerfahrene Crew nicht ungefährlichen aber spektakulären Manövern aussetzen will. Die Gischt einer Welle macht drei von uns nass, leider auch eine der drei Kameras mit der meine Crew fotografiert. Seesternchen, ausgerechnet eine Seglerin und Inhaberin eines SKS-Scheins unterschätzt den Platscher völlig, hält sich nicht fest und fällt hin, der erste blaue Flecken an Bord. Wir fahren zurück ins tiefe Wasser und kreuzen noch 2 Stunden vor dem Pass um das von den Einheimischen angekündigte Abflauen der Strömung abzuwarten. Da durch den Pass und Nachts im Atoll nicht navigiert werden kann, brechen wir kurz vor der Dämmerung ab und segeln zurück nach Fakarava. Wir wollen der großen Welle von vor 2 Tagen noch einen Tag mehr Zeit geben aus den Lagunen heraus zu fließen. Heute ist unser erster "Shark-Dive". Die Tauchlehrer wissen genau, dass alle anwesenden Haie nett sind (behaupten sie jedenfalls) und wir glauben ihnen. In 30 bis 40 Meter Tiefe drei bis vier Weißspitzenhaie in weniger als 10 Meter Abstand um sich herum zu haben ist für uns, die wir das zum ersten Mal machen, schon ein ganz besonderes Erlebnis. Die Tauchlehrer hatten Recht, die Haie hatten keinen Appetit auf uns, abends sind wir wieder vollzählig an Bord. Morgen machen wir uns zum zweiten Mal nach Toau auf. Die Einfahrt ist diesmal völlig unspektakulär, das fast unberührte Atoll verwöhnt
uns mit herrlichen Spaziergängen über unberührte Inselchen. Aber auch in der Lagune lerne ich etwas dazu. Aus dem nichts heraus Böen in Stärke 8 und 9, aufgepeitschtes Wasser und Regengüsse wie aus Eimern. Zu viel um mit dem Beiboot unsere Spaziergänger vom Strand abzuholen. Ganz schön heftig so dicht in Lee der Riffe, schon wieder solch eine Welle und solch eine Wucht. Der Anker hält gut, wir ärgern uns über das Wetter und nehmen die nächste Insel in Angriff. Toau hat uns verzaubert. Mit allen Sinnen haben wir dieses Atoll genossen. Zurückgelassen haben wir nur unsere Spuren im Sand, die einzigen Spuren auf Toau. Die Überfahrt ist lang, aus Zeitmangel lassen wir mehrere Atolle aus und segeln direkt nach Rangiroa. Diese Insel ist die erste, die sich dem Tourismus geöffnet hat, nicht so wie Bora Bora aber es gibt immerhin schon zwei richtige Hotels und mehrere Boutiquen. Das Atoll ist sehr groß, die Lagune hat eine Ausdehnung von 80 Kilometern. Außerhalb des Hauptortes ist auf den vielen Motus rund um die Lagune doch wieder eine Bevölkerungsdichte wie in der Taiga. Ein Drift-Dive durch den Pass mit einem Dutzend Haie in unmittelbarer Nähe, schwimmen als Mittelpunkt eines Schwarms. Von unzähligen kleinen Fischen so dicht umgeben, dass man von außen unsichtbar ist. Schildkröten, die uns einfach ignorieren. Rochen schweben so majestätisch über uns, das ist nicht nur geräuschlos, das sieht sogar geräuschlos aus. Was für ein Unterschied zu den Kreaturen, die im Seewasseraquarium auf Bora Bora für die Besucher aus dem Wasser gehoben werden um von amerikanischen Touristinnen abgeküsst zu werden. Wenn wir nicht mit Haien tauchen, treffen wir manchmal auf Delfine, die haben aber scheinbar mehr Spaß an uns, wenn wir segeln und sie am Bug unserer Jacht all die Kunststücke vollführen, von denen die Delfintrainer im Zoo nur träumen können. "Ich kenne alle guten Tauchreviere der Welt", sagt der Belgier, der neben mir steht und auch sein Tauchjacket auswäscht. "Aber dies hier toppt sie alle." Mein Tauchbuddy vor mir nickt gelassen, er hört das nicht zum ersten Mal aber Superlative überlässt man auf den Tuamotus den Gästen, nicht den Werbeprospekten. Heute trennt die Crew sich auf. Die Wege sind zu weit, um sie innerhalb der Lagune per Jacht zurück zu legen. Auf den weißen Karten sind nur wenige Routen vermessen und betonnt, der Rest ist Augapfelnavigation und das geht nun mal nur bei hoch stehender Sonne und klarem Himmel. Während Gerd zu seinem achten Tauchgang aufbricht und die anderen mit dem Ausflugsboot in die Blue Lagoon wollen, eine winzige Lagune innerhalb der Lagune, die sich auszeichnet durch eine unglaubliche Wasserfarbe, wie man sie eigentlich nur mit der Trickkiste von Photoshop herstellen kann, beschließen Elke und ich, zu Fuß zum Ende des Motus zu laufen.

Diese Idee stellt sich als ziemlich schwachsinnig heraus. Wer außer uns würde schon in der Mittagshitze stundenlang über eine Betonpiste marschieren, über sich die volle Sonne, weder gefiltert durch Wolken, noch durch Industrieabgase. Links die ewig gleiche Brandung des Pazifiks, rechts abwechselnd Palmen mit und ohne Kokosnüssen. Doch wir werden belohnt für den Marsch. Am Ende der Insel, am nächsten Pass, lerne ich den freundlichen, kugelrunden Fahrer des Schulbootes kennen. Das funktioniert wie ein Schulbus, bloß auf dem Wasser. Von den auf den Motus verstreut lebenden Familien werden die Kinder eingesammelt und zur Pier gebracht, wo der Schulbus auf sie wartet. Er bringt uns quer über den Pass zu dem winzigen Ort Tiputa wo wir wieder mal die einzigen Besucher sind. Schnell Kontakte knüpfen und Fotos von den einheimischen Schulkindern machen. Zurück an Bord höre ich mir an, was meine Crew erlebt hat. Alle waren mit ihrem Tag zufrieden und "was hast du gemacht?" "Ich war bei einem Muschelschleifer". "Was hast du gekauft, was hat es gekostet?" Nach zwei Wochen auf den Tuamotus sind einige scheinbar immer noch nicht angekommen. Wir verlassen Rangiroa und richten den Bug nach Tikehau. Im Avatoru Pass sehen wir zwei Jachten, die bestimmt schon seit langer Zeit hoch und trocken auf dem Riff liegen. Als Mahnung an alle, die Riffnavigation nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Einige unserer Gäste hatten genug von Seegang und Inseleinsamkeit, freuten sich auf Hotelbetten und Animation. So waren wir nur noch zu dritt, als wir nach Tikehau segelten. Wir konnten den neuen Gästen, die eigentlich auf den Gesellschaftsinseln zusteigen wollten, gestatten nach Tikehau zu fliegen und zusätzlich zu dem von ihnen gebuchten Törn noch ein Atoll mitzuerleben.

Die Fahrt rüber nach Tikehau ist ein Genuss. Nur unter Seglern ist der Bordalltag doch ganz anders, als wenn man Neulinge an den Sport heranführen möchte und ihren unrealistischen Ängsten und Wünschen ständig ausgesetzt ist. Einen deutschen Bekannten sollten wir in Tikehau seinem polynesischen Freund ein paar Briefe übergeben. Er war schon acht Mal im Urlaub auf Tikehau gewesen und sich dort seine zweite Heimat geschaffen. Das mit den Briefen hätten wir besser nicht gemacht. Nachdem wir den Adressaten gefunden und unsere Post abgeliefert hatten waren wir auch auf Tikehau "eingebürgert". Als Freunde des Freundes wurden wir in ihre Mitte aufgenommen. Zuerst erst einmal mit dem starken Motorboot das Innere der Lagune erkunden. Wenn man hunderte von traumhaften Sandstränden gesehen hat, sollte es eigentlich irgendwann einmal zur Gewohnheit werden aber die Strände in Tikehau, die uns unser Führer Monsieur Natua gezeigt hat, waren vielleicht noch schöner als alle, die wir bisher gesehen haben. Nach einem Badestopp in traumhafter Kinokulisse geht es weiter nach Bird-Island, einem - natürlich menschenleeren - Paradies für Seevögel. Eine kleine Insel inmitten der Lagune frei von Feinden die ideale Brutstätte für viele Seevögelarten. Ein sehr beeindruckender Spaziergang wurde mit einer tollen Fotoausbeute belohnt. Auf dem Rückweg zum Hauptort hatte ich noch etwas zu erledigen. Da gibt es die Spitze des versunkenen Vulkans, die mit einigen Quadratmetern Fläche noch einen halben Meter aus dem Meer ragt, umgeben von Felsen unter und über Wasser. Dort hatte ich noch etwas zu erledigen. Dies ist die Stelle, an der der Gott Tu die Insel Tikehau betreten hat und jeder Seefahrer der Tikehau anläuft ist eingeladen, das gleiche zu tun. Die letzten Meter muss ich schwimmen. Meine Crew wartet geduldig auf mich. Gemeinsam kehren wir zum Ort zurück und Natua gibt uns Zeit genug, um uns umzuziehen, bevor er uns abholt zu dem Fest der Einheimischen, das zwei Mal im Jahr stattfindet und zu dem wir einfach dazugehören. Wer kochen kann, kocht etwas leckeres, wer spielen kann, spielt ein Instrument, wer singen kann, singt und wer tanzen kann, tanzt. So einfach ist das. Manches, was wir gegessen haben, haben wir nicht einmal erkannt, aber lecker war es trotzdem. Die Sänger kamen nicht von der Folkwang Schule aber sie haben aus dem Herzen heraus gesungen und das hat ihren Gesang über alle Maßen schön klingen lassen. Wenn auch das Kichern der anwesenden Damen erahnen lässt, dass die Texte ziemlich frivol gewesen sein müssen. Was wir für all das bezahlt haben, nicht mehr als den Sprit für das Motorboot. Natürlich ist uns die Abreise Richtung Huahine auf die Gesellschaftsinseln nicht schwer gefallen, weil die nächsten drei Wochen auf den Gesellschaftsinseln weitere traumhafte Urlaubstage versprechen aber die unglaubliche Landschaft der Tuamotus, die unbedingte Einsamkeit, das Leben auf und in diesem kristallklarem Wasser und allem voran natürlich die unbeschreibliche Freundlichkeit der Einwohner dieser Atolle - ich zähle die Tage rückwärts, bis ich wieder hin Segel - vielleicht eine Woche länger, aber mit halb so vielen Zielen und einem Viertel so vielen "Programmpunkten".

Ich habe gelesen, dass im Süden von Rangiroa die geschicktesten Muschelschleifer leben, die aus den Austerschalen, dem Abfall der Perlenproduktion wunderschöne Schmuckstücke fertigen. "Kennst du nicht jemanden, der Austernmuscheln schleift?" frage ich das 13-jährige Fotomodell vor mir. Na klar, Thavy, direkt hier hinter der Kirche und schon trabe ich neben ihr her über Schulhof und Kirchhof und stehe bald vor einem drahtigen Mann mit langem zum Zopf gebundenem Haar, der sich geduldig meine Probleme anhört. "Ich kriege die Rückseiten der Austern einfach nicht so blank wie die Innenseiten sind" klage ich ihm mein Leid. Er nickt verständnisvoll, sorgt für eine Erfrischung, zeigt mir seine Werkstatt und fragt mich dann, ob ich morgen früh um 10:00 Uhr kommen könne. Er zeigt mir Bilder von verschiedenen Schmuckstücken, die er hergestellt hat. Ich deute auf die, die mir am besten gefallen. Zurück an Bord lade ich die Fotos aus der Kamera in den Computer und drucke gleich einige die mir besonders gut gefallen in Postkartengröße aus. Da die Crew noch mal tauchen gehen will, habe ich Zeit für meine Lehre beim Muschelschleifer. Zuerst verteile ich die Fotos vom Vortag an meine "Models". Eine Stunde später begrüßt mich jeder im Dorf mit den Worten "Bonjour, du bist doch der, der die Fotos macht". An dieser Kommunikationsgeschwindigkeit könnte sich die
Telekom ein Beispiel nehmen. Ob sich mein Muschelschleifer heute wohl wieder so bürokratisch verhält wie gestern. Einen Termin machen in Polynesien, das ist eigentlich unüblich. 5 Minuten später schäme ich mich für meine Gedanken. Der Muschelschleifer hat jede Minute seit gestern Nachmittag damit verbracht, sich auf meinen Besuch vorzubereiten. Er führt mich in seine Werkstatt, dort zeigt er mir, von den 5 Schmuckstücken, die ich am schönsten gefunden habe, jeweils ein Unikat, das er gestern noch für mich angefertigt hat. Dann nimmt er zwei gleiche, unbehandelte Austernschalen, drückt mir eine davon in die Hand, nimmt die andere selbst, geht mit mir zur großen Schleifscheibe und schrubbt die Schuppen vom Rücken der Muschel.

Sogar an eine Schutzbrille hat er gedacht. Immer wieder korrigiert er meine Hand, den Winkel, den Druck, die Drehung, schließlich ist er zufrieden. Jetzt gehen wir zur mittleren Schleifscheibe, hier wird es kritisch, alles muss runter bis zur Perlmuttschicht aber ein kleiner Druck zuviel und man ist durch, die Muschel ist wertlos. Ich arbeite konzentriert, versuche die halblauten, ruhig vorgebrachte Hilfestellung umzusetzen, spüre, wie der Schweiß sich zu Bächen formt, die ein Muster in den Schleifstaub in mein Gesicht formt. Wir verlassen die mittlere Schleifscheibe etwas eher, als es ein geübter Schleifer tun würde, der Rest muss in mühseliger Kleinarbeit an der kleinen Schleifscheibe gemacht werden. Er lässt nicht zu, dass ich eine Bewegung ohne Gefühl ausübe, immer wieder korrigiert er die runden Bewegungen mit der Hand, macht mir an seiner Muschel vor, wie ich es zu tun habe, zeigt mir an meiner Muschel wo und wie ich nachzuarbeiten habe. Zu dem Respekt vor seinem Können (später erfahre ich, dass er schon internationale Preise gewonnen hat) kommt die Hochachtung vor seiner Art des Vermittelns und das Glücksgefühl, als ich merke, dass er es geschafft hat diese Muschel so in meine Hand hineinwachsen zu lassen, dass die Bewegungen nicht mehr aus dem Kopf, sondern aus dem Gefühl herauskommen und meine Muschel seiner immer ähnlicher wird.

Zwei Stunden sind schon vergangen, kurze Pausen gibt es nur, wenn er glaubt, dass ich Durst habe oder spürt, dass meine Konzentration nachlässt. Endlich sind auch die Kanten gerundet und eine Stelle, an der meine Muschelschale uneben gewachsen ist, geglättet. Wir verlassen die Werkstatt. Im Hof steht, nah am Wasserhahn, die Poliermaschine. Musste ich bei den Schleifscheiben noch dagegen kämpfen, dass zuviel auf einmal weg geschliffen wurde, so versucht die Poliermaschine mir mit den runden Stoffscheiben, die sich mit sehr hoher Geschwindigkeit drehen, die Muschel aus der Hand zu schlagen. Ich sitze auf einem umgedrehten Eimer und beuge mich konzentriert zu meinem neuen "Feind" vor, in dem Bemühen die Technik zu beherrschen. Er hockt neben mir, balanciert auf seinen Zehenspitzen, lehrt mich die gefräßige Poliermaschine nicht wie einen Gegner sondern wie einen Freund zu betrachten und dementsprechend zu behandeln. Es braucht lange, aber irgendwann versucht die Poliermaschine nicht mehr mir die Muschel mit 50.000 Umdrehungen aus der Hand zu schlagen, sondern glättet folgsam alle Kanten, lässt die Außenseite der Muschel im gleichen Perlmuttglanz erstrahlen wie die völlig ebene Innenseite. Endlich liegen zwei Muscheln vor uns bei denen meine Freunde in Deutschland bis heute nicht unterscheiden können, welche von ihm und welche von mir ist. Was haben wir eigentlich hergestellt? Nichts weiter als den Rohling einer Muschel, aus dem jetzt erst ein Schmuckstück herausgearbeitet werden kann. Hierbei bin ich mit meiner Rolle als Zuschauer mehr als zufrieden. Kleine Handreichungen, ein bisschen polieren, damit ich zu Hause sagen kann, ich habe daran mitgearbeitet. Einen Anhänger fertigt er ganz nach meinen Wünschen, integriert meine Vorstellungen in sein Wissen um den Gott Tu, dem Herrscher über die Lagune von Rangiroa. Gemeinsam entsteht unter seinen Händen mein persönliches Amulett, indem sich meine Wünsche für den, der es lesen kann, widerspiegeln. Ich bin glücklich.

Ich werde wieder hier kommen – egal wie lange es dauern wird – egal wie schwierig es auch sein mag – selbst wenn ich ab Europa schwimmen müsste. Wenn es ein Paradies gibt, dann ist es hier irgendwo. Gefunden habe ich einige, ich weiß nur nicht, welches das Schönste war.

Wenn ich aber nochmals hierher kommen kann, dann nicht im Flieger. Nein, wie beim ersten mal, wieder auf eigenem Kiel, also mit einem Schiff. Das ist zwar schwierig zu bewerkstelligen, aber man „erarbeitet“ sich den Weg und konsumiert nicht nur einfach. „Der Weg ist das Ziel“ heißt es immer so schön, hier hat man dann zwei Ziele. Sicher, der Pazifik ist alles andere als ein einfaches Segelrevier und
niemals Still, was der Name „Stiller Ozean“ einem gerne vorgaukeln möchte, aber es ist ein Abenteuer, ein Erlebnis, was sich tief in einen einbrennt und einem niemals mehr weg genommen werden kann. Mögen die Zeiten auch noch so hart werden oder Krankheiten einem alles vergällen, diese Erfahrung hat sich eingebrannt und man zehrt davon den Rest seines Lebens. Bei meiner ersten Pazifiküberquerung war ich noch nicht so weit, all das zu verstehen, was auf mich zukam, ich war noch zu blauäugig, zu jung. Heute, aus einer gewissen Lebenserfahrung heraus, weiß ich, das es Dinge gibt, die mehr Wert sind als alles, was ich in meinem Leben jemals erreicht oder mir erträumt habe.

Wenn nur 1 Prozent aller Menschen der Erde dieses Glücksgefühl hier erleben könnten, so wäre die ganze Erde ein Paradies..... 

Ulrich Barth, 1998