Stralsunder Episonden
Stralsunder Episoden: April 2009
Viele von Euch warten ja (wie immer) auf Ulli’s Geschichten zum Feierabend. Ja, diesmal, so scheint es, gibt es nichts ungewöhnliches zu Berichten.
Nehmen wir erst einmal die Fakten:
Mein Chef, ein – was das Segeln angeht – etwas unbedarfter Mensch, kauf sich auf der Messe ein Schiff und will damit Segelreisen anbieten. Soweit so gut. Auf der Messe schauen ja alle Schiffe schön aus. Dort werden sie nett hin trappiert , die Verkäufer überzeugen mit tollen Worten und ein nettes Blumenbukett steht auch meist auf dem Tisch. Das Schiff war ja ein Schnäppchen (Messerabatt etc.) und soll ja toll segeln, also zuschlagen, bevor ein Anderer es kauft.
Und dann sucht man einen Skipper, der das Ding segelt und vorher noch ein paar Kleinigkeiten macht....
Der Skipper bin ich. Und hat bei mir in der letzten Zeit eigentlich mal etwas geklappt?
Also beginnen wir wieder mal am Anfang. Ich hatte ja gedacht, mit dem Auto hoch in den Norden zu fahren, meine ganzen Sachen (immerhin für 5 Monate) hoch zu bringen und dann wieder nach Hause zu fahren. Am nächsten Tag dann mit dem Zug nach Stralsund, brauche hier ja kein Auto (und Conny kann mein Auto brauchen, ihres ist kaputt). Conny meinte dann, es wäre doch unsinnige Geldverschwendung, ich soll mir jemand suchen, der mich hochfährt und gut ist’s. Stimmt ja eigentlich. Und zufällig rief ein Bekannter an, den ich schon lange nicht mehr gesprochen hatte. Also mein Vorschlag: Du fährst mit, wir reden und gibst das Auto bei Conny wieder ab. Wir also hoch in den Norden und dann fuhr er retour. Um 23.50 Uhr rief er dann an und erzählte mir, das mein Airbag funktioniert hat. Er war wohl kurz weggetreten und habe anschließend alle Leitplanken links und rechts getestet. Nur das Auto habe es nicht überlebt. Na, wenigstens ist ihm nichts passiert. Seit diesem Anruf habe ich nun kein Auto mehr. Schade, war ein gutes Stück gewesen....
Ja, nun zu dem Schiff. Was in den Messehallen ja ganz gut wirkt (wenn man keine Ahnung von Schiffen hat), entpuppt sich dann in der Realität manchmal doch als ungeeignet. Auf den ersten Blick denkt man: Wow, was ist es toll. Beim zweiten kommen dann irgend welche Zweifel. Ich bin ja nun ein Mensch, der seine Sachen auch gerne mal in einen Schrank hängt oder legt. Wenn es denn welche geben würde. Schuhschachteln als Schrank zu verkaufen ist auch eine Kunst. Aber gut. Nur das der Schrank auch noch nass war, fand ich dann doch albern, es war ja ein neues Schiff. Also nichts auspacken, erst mal aus dem Seesack leben. Draußen regnete es, auch über meine Koje (Bett) lief das Wasser. Fenster zu, wird sich nun mancher denken, aber zuer ging es nicht. Gut, vielleicht bin ich auch nur zu verwöhnt. Morgen wird alles besser. Am nächsten Tag fanden sich ca. 20 Liter Wasser im Schiff. Erst mal Matratze trocknen...
Nettes Ambiente, man hat Esche-Farbton gewählt. Jeder erfahrene Segler weiß, helles Holz und Seefahrt verträgt sich nicht. Überall bereits Stockflecken. Das Schiff war ja auch schon 3 Wochen im Wasser. Auch die Verarbeitung etwas gewagt. Jeder weiß, das Schiffe besonderer Belastung ausgesetzt sind und Sperrholz zwar für die Möbelindustrie gut sein mag, aber auf einem seegehenden Schiff Vollholz Pflicht ist. Da mag das Furnier noch so nett aussehen, es taugt nichts. Gut, es löst sich bereits ab, aber Ulli ist vielleicht auch zu anspruchsvoll. Mein Chef gab mir die Telefonnummer des Verkäufers, der sei für Mängel zuständig. Ich, frech wie ich bin, rief mal bei ihm an. Ich fragte ihn, warum an dem Schiff denn keine Positionslampen dran seien. Er meinte nur, das ich die ja gar nicht bräuchte, weil ich eh nut tagsüber fahre. Aha, wieder etwas gelernt. Beim Auto braucht man auch keine Scheinwerfer, wenn man nur tagsüber fährt. Und Blinker nur dann, wenn man wirklich beabsichtigt, abbiegen zu wollen... Einige Worte hin und her, erklärte ich ihm, das er wohl mir etwas Mist erzähle und er mir damit nicht kommen braucht. Gesetzt sei Gesetzt und ich bräuchte sie. Schließlich kenne ich mich mit den Gesetzen der Seefahrt aus. „Aha, Sie kennen sich aus? Mit Ihnen brauche ich ja nicht zu reden, schließlich hat Stefan (mein Chef) das Schiff gekauft“ Er legte auf. Ach so – mein Chef und er sind also per Du und damit bin ich raus. Ich rief meinen Chef an und erzählte ihm das Gespräch. Am nächsten Tag wollte man sich beim Schiff treffen. Gut, sie kamen und ich legte dem Verkäufer (Unsympathisch) meine Mängelliste vor. Beim zweiten Punkt (Wasser im Schiff) drehte er sich von mir weg: „Stefan, muss ich mit diesem Menschen reden? Wer ist das überhaupt? Der hat keine Ahnung (?). Wasser ist immer in einem Schiff (??), alles ist normal (???). Das gibt sich (klar, wenn das Holz und Laminat aufgequollen ist) und den Rest, den tausch ich aus“. Also gut, scheint ja alles normal zu sein, ich bin also der Depp.
Mit einem Helfer riss er die ganze Innenverkleidung heraus und schmierte überall alles voll Sikaflex, eine Art Silikon. Dann waren sie weg. Zwei Tage brauchte ich, bis ich endlich die Verkleidungen wieder eingesetzt hatte (teilweise zerbrochen) und das überflüssige Sikaflex weggeschnitten hatte.
Mein Chef brachte mir einige Geräte, die ich ihm einbauen sollte. Normalerweise ist das kein Problem, habe ich schon öfters gemacht. Zum Beispiel ein Funkgerät. Als erstes braucht man Strom. Also Schaltkasten auf und nach Strom suchen. Habe sogar ein Messgerät dabei, man weiß ja nie. Aber da, wo Strom sein sollte war keiner und da, wo er nicht sein durfte, war Strom im Überfluss. Gut, manchmal denkt man auch verkehrt oder ...
Dann kam der Gasinstallateur zur Abnahme der Gasanlage. Der schlug die Hände über dem Kopf zusammen und fragte mich, ob ich die ganze Anlage gebaut hätte. Nö, das wäre mir neu. Das ginge alles gar nicht, das wäre ja alles lebensgefährlich. Er komme morgen wieder, bringe Material mit und müsse alles neu machen. (Übrigens ein netter Kerl und was er mir erklärte, hatte auch irgendwie Hand und Fuß.) Aber zur Sicherheit schloss er eine Art Messpumpe an. Der Druck verschwand. Er sagte nichts und ging.
Was war das doch gleich mit dem Strom? Wenn ich alle Batterien abschalte, wieso habe ich dann noch Strom im Schiff? Verstehe ich nicht. Im Hafen lief ab und zu ein Elektriker rum, den mal fragen. Der erklärte mir, das mein Chef ihn ganz böse verarscht habe. Er habe sich einen Kostenvoranschlag geben lassen und dann via Internet alles selber (nach der Liste des Elektrikers) gekauft. Gut, ich kann ja nett reden, 10 Minuten später stand er bei mir auf dem Kahn. Auch er war sprachlos (Gott sei Dank, Ulli ist nicht alleine blöd). Aber – man kann sich ja irren, also rief er noch einen Kollegen zur Hilfe. Beide schalteten hin und her, Messgerät hier und da. Beide kamen zur Überzeugung, das auf diesem Schiff alles miteinander kurzgeschlossen sei, was überhaupt machbar war. Man müsse die ganze Verkabelung neu machen, so ginge das ja überhaupt nicht. Er komme morgen
wieder...
Inzwischen kam der Beschlagbauer, der am Mast noch etwas anflicken solle. Ich fuhr ja nicht irgend ein Schiff, es hat einen Carbon- bzw. Kohlefasermast und da muss für alles ein Spezialist her. Fasst alles ist aus Kohlefaser, sogar das Ruder (Steuerrad). Kostet ja beinah nichts und schaut besch... aus. Mein Chef hatte sich im nachhinein eine Änderung ausgedacht, also ran ans Werk. Bohren oder Annieten ist nicht, Kohlefaser bedarf etwas mehr Pflege – man hat’s ja. Früher, bei Holzmasten hat man einfach per Schraube was drangedübelt, aber heute muss es spezialgeklebt werden, dauert 14 Stunden, Riesen Aufwand (Heizzelt, Schleifen, heizen, kleben, heizen...). Der arme Kerl stand 14 Stunden da, konnte nicht mal Pinkeln gehen, die Temperatur muss genau 30° sein. Mit Schrauben beim Holzmast wäre das in 20 Minuten erledigt gewesen, beim Alumast mit Nieten in 10...
Am nächsten Morgen 4° im Schiff, das ganze Deck völlig vereist (Außen –3°). Zu Hause 18°, Sonne pur, hier Nebel und leicht kalter Wind. Bin ich eigentlich immer der Depp?
Mein Lieblingsgasmann kam wieder. Nach 5 Stunden Schiffzerlegen schloss er die ominöse Pumpe an – und der Druck hielt. Zufällig kam der Verkäufer des Weges. Er legte mir ein paar Teile auf den Tisch, damit ich sie einbauen kann. Komisch, früher wurde das als Service eingebaut. Oder bekommt man heute in der Werkstatt beim Neuwagen auch die Teile zum Selbsteinbau? Na gut, es ändert sich eben alles. Aber der Gasmann ließ nicht locker. Der Verkäufer meinte nur, (wirklich wörtlich!) wenn sich die Leute so ein Scheißschiff kaufen, sind sie doch selber schuld. Sie müssen sich eben vorher erkundigen, ob es irgendwelchen Vorschriften entspricht oder nicht. Wer fragt schon beim Autokauf, ob es den deutschen TÜV besteht? Gut, ich lerne ja gerne. Jedenfalls habe ich meine Gasabnahme. Wäre es mein Schiff, würde ich mich wahrscheinlich inzwischen den Fischen zum Fraß vorwerfen. Die Temperatur steigt (7° Außen) und meine Kurzschlussmechaniker rücken an. Nach 5 Stunden läuft das Funkgerät und viele andere Kleinigkeiten, der Rest ist eine Katastrophe, man komme die nächsten Tage wieder....
Ich bin ja ein saublöder Mensch. Ich habe auf dem Dampfer einen Motor und der braucht bekanntlich Sprit. Also ich fahr mit dem Kahn zur Tanke. Und Wasser braucht man ja auch ab und zu, also noch Wasser bunkern. Am nächsten Morgen ist einiges Wasser im Schiff und etwas 5 bis 10 Liter Diesel dazu verbreitet einen heimelichen Geruch (dachte schon, ich hätte Schweißfüsse bekommen). Wie kann man aber auch nur Wasser und Diesel in die Tanks füllen. Nett, aus dem Hahn im Bad spritzte das Wasser senkrecht nach oben. Bad mit Wellnessoase, Springbrunnen oder wie? Nicht aus dem Hahn direkt, nein, aus dem Hebel zum Schließen. Zufällig kam gerade der Verkäufer vorbei. Denke mal, er hasst mich inzwischen. Ich finde ihn immer noch unsympatisch, anderseits tut er mit auch etwas Leid, das er so etwas verkaufen muss...
Aber ich will mich nicht beklagen, heute ist Palmsonntag, ich hatte sogar 4 Stunden Sonne, eine gute und warme Suppe im wiedereröffneten Hafenrestaurant, nur 12 Stunden Arbeit, nette (fachkundige) Kollegen an Bord (alle waren entsetzt), habe über 2.000 Euro ausgegeben (Teile fürs Schiff) und morgen kommt der BSH (sozusagen der TÜV für Schiffe) und will alles abnehmen. Nichts geht. Um 23 Uhr habe ich –1° und wieder leichtes Eis am Schiff. Aber mein Heizlüfter arbeitet. Habe sogar heute beim Müll einen Wasserkocher gefunden, so einen alten mit „Flöte“ für den Gasherd, den ich noch brauchte. Muss ihn nur entkalken, ansonsten ist er wie neu. Alles wird gut.
Am Morgen wieder alles voll Eis. Die BSH-Abnahme gestaltete sich ziemlich einfach. Ich kannte den Prüfer, hatte mal auf der Thor Heyerdahl mit ihm zu tun. Sofort wurden alte Kamellen aufgewärmt und bei einer guten Tasse Kaffee (dieser Trick geht immer) war die Abnahme eher Nebensache. Gut, auch geschafft. Zwei kleine Punkte gab es zu bemängeln, aber die sind gleich erledigt. Dafür hatte ich ein neues Problem am Hals. Man sollte einfach keinen Diesel ins Schiff einfüllen. Eigentlich hat man ja einen Tank. Nur meiner hatte wohl irgendwo ein Loch. Zudem war der Tank so saublöd eingebaut. Das man nicht sah, wo der Diesel herkam. Also Säge geholt und mit brachialer Gewalt einen Zugang geschaffen. Man hatte einfach (oder absichtlich) die Lüftung des Tanks (für Wartungsarbeiten) offen gelassen. Etwa 10 Liter waren in der ganzen Bilge (Schiffsboden im Rumpf) verteilt. Ein benachbarter Skipper meinte, das ich bei Nebel keine Angst mehr haben bräuchte. Ich stinke wie ein Öltanker 10 Seemeilen gegen den Wind. Mich kann man nicht mehr rammen. Den ganzen Tag den Diesel mit Klopapierrollen aufnehmen (so 20 Stück mussten wohl daran glauben), ich stinke wie ein begossener Tankwart. Am Abend gönnte ich mir eine Dusche in der Hafenanlage. Zu DDR-Zeiten war das mal sicher State of the Art, heute leicht antiquiert. Man kann zwischen Verbrühen und Erfrieren wählen, 4 Minuten für 1,80 Euro. Gleichzeitig muss man auf einen Knopf drücken, sonst kein Wasser. Man kann sich auch mit dem Rücken gegen den Knopf lehnen, dann steht man aber nicht da, wo das Wasser kommt. Habe etwas gelernt : zu Hause werde ich zukünftig weniger Wasser brauchen. Dann noch schnell Strümpfe und Unterwäsche gewaschen und im Schiff zum Trocknen aufgehängt. Morgen stinkt zwar alles nach Diesel, aber wenigstens optisch sauber. Noch schnell 5 neue Klopapierrollen gemopst, der Hafenmeister wird wohl denken, eine fürchterliche Darmgrippe grassiert im Hafen. Obwohl – er hat die Dieselgeschichte mitbekommen.... Ich habe aber auch eine Dusche (eigentlich eine Nasszelle) an Bord und seit heute geht endlich der Wasserhahn auch. Aber eine Telefonzelle ist der reinste Tanzsaal dagegen. Ich werde sie nur im absoluten Notfall ausprobieren, denn das Wasser läuft in einen Schrank – und der in die Bilge, also Wasser im Schiff. Hatte ich schon mal.... Der Verkäufer kam auch zufällig vorbei, als gerade alle wegen dem Diesel bei mir rannten. Er meinte nur, es wäre wohl nur menschliches Versagen bei der Produktion – wir werden wohl nie echte Freunde. Wortlos gab er mir das oben erwähnte Ersatzteil für den Hahn, natürlich zum Selbsteinbau. Ich lerne jeden Tag was neues, jetzt bin ich auch Kemptner.
Einige Tage später: Alle sind sehr bemüht mir zu helfen, aber irgendwie drehe ich mich nur im Kreis, komme keinen Schritt weiter. Alles was ich auch mache muss wieder raus oder weg, weil was anderes fehlt oder ersetzt werden muss. Die Handwerker geben sich bei mir die Klinke in die Hand (mein Kaffeevorrat entschwindet am Horizont)), aber inzwischen arbeiten alle zusammen an Problemen, die sie so noch nie hatten. Mein Chef sorgt derweil für leichte Verwirrung, weil er versucht Teile zu beschaffen, die wir gar nicht brauchen und die, die wir brauchen, vergisst er. Inzwischen besorgen wir alles selber und schicken seine Teile zurück (wenn sie denn überhaupt kommen). Dafür ruft er jeden Tag 10 bis 20 mal an um zu fragen, wie es läuft. Dann erfahre ich immer neue Termine, wann was gemacht werden soll, was er wann organisiert hat usw. Mal sehen, was überhaupt passiert.
Mittwoch, 08.04. am Samstag soll ich nun endgültig die fehlenden Teile für den Mast bekommen und wir können ihn auf das Schiffchen packen. Sich fällt es dann um. Am
Sonntag dann eventuell sogar Segel anbringen und nach Stralsund fahren. Bis jetzt bin ich ja irgendwo in der absoluten Pampa, 18 km südöstlich von Stralsund. Am Montag soll dann die Schiffstaufe passieren. Mein Chef hat auch schon eingekauft und mir freudig strahlend eine zwanziger Packung Papierservierten mit Schiffsmotiv gegeben. Keine Ahnung, wie man damit eine Party schmeißt, ich bin ja lernfähig. Hatte ihn auch gebeten, er solle mir ein paar Abtrockentücher mitbringen. Er brachte mir 4 (von Mama) handgestickte Tücher mit. Ich solle arg darauf aufpassen, die Motive (Leuchtturm und Segelschiffchen) liegen Mama sehr am Herzen. Dazu passend 4 Gästehandtücher. Geht’s noch? Ich brauch das 5 er Pack für 2,99 für den täglichen Gebrauch und keine Ausstellungsstücke von Muttern. Jetzt trockne ich mit Klopapier, dem Hafenmeister meinen besonderen Dank.
Habe zwar keinen Mast, aber seit zwei Tagen drei Segel an Deck herumliegen, über die man ständig stolpert, die nur im Weg liegen. Mein Chef denkt eben weiter. Alles an Bord bringen, man weiß nie, wie man es braucht. Nur Werkzeug, was ich wirklich bräuchte, das muss ich mir überall ständig ausleihen. Inzwischen darf ich überall rein und mir holen, was ich brauche. Man hat mein ewiges Fragen leid. Aber alle, wirklich alle, sind sehr hilfsbereit und nett. Die Leute vom Rstaurant besorgen mir Lebensmittel, komme ja nicht zum Einkaufen weg. Ohne Auto geht hier gar nichts (es wird mir fehlen...). Heute gab es eine riesige Pfanne Paella. Ich wurde dazu eingeladen, eigentlich war sie für andere Segler bestimmt, die heute hier ankamen. Aber – sie bekamen natürlich auch etwas davon ab...
Freitag, 11.04. Nun bin ich 14 Tage an Bord, jeden Tag von 8 bis oft 20 Uhr gearbeitet und nicht wirklich einen Schritt weiter gekommen. Morgen soll ich nun endlich (mal wieder) meinen Mast auf das Schiff bekommen. Mal sehen, ob es denn wirklich mal was wird. Habe heute das Schiff noch einer Generalreinigung unterzogen, langsam schaut er wie 10 Jahre alt aus. Ein benachbarter Motorbootfahrer, der sein Schiff verkaufen will, fragte an, ob ich ihm meinen Staubsauger (brauche ihn hauptsächlich wegen der Wassersaugfunktion) leihen kann. Morgen will er saugen, bevor die potentiellen Kunden kommen. Klar. Man hilft sich gegenseitig. Am Abend beschließe ich, in einem Anfall von Übermut, die Dusche im Schiff mal auszuprobieren. Also, erst mal im Bad den Lüfter rein, etwas aufwärmen und dann geht es los. Der Wasserstrahl ist eher zum Händewaschen geeignet, der Warmwasserboiler schafft meinen unheimlichen Wasserbedarf nicht und – hat man schon mal versucht, in einem Schuhkarton zu duschen? Akrobatische Meisterleistung. Man windet sich wie Lehmann im Sarg, ist trotzdem kaum in der Lage, sich ordentlich einzuseifen und Haare waschen erfolgt mangels Stehhöhe in einer gewissen Demutshaltung (oder die Decke ist voller Schaum). Zwar habe ich eine Pumpe, die das Duschwasser entsorgen soll (funktioniert sogar), aber wegen der (üblichen) Fehlkonstruktion läuft das Wasser in den Bereich, wo die Absaugung nicht ist. Jetzt hätte ich gerne meinen Wasserstaubsauger. Egal, nun ist das Minibad auch gereinigt (einschließlich Schrankinnenseiten), der Tank (vorher aufgefüllt) wieder halb leer und ich habe mir bei der Aktion einen Wirbel verdreht.
Samstag, 12.04. Mein Rücken schmerzt, kann mich kaum bewegen, und heute soll ich viel arbeiten. Toll. Ab 8 Uhr begann ich die letzten Vorbereitungen zu treffen, um 9 Uhr sollte der Mastspezialist kommen. Kurz vor 10 Uhr war er da. Er meinte, nach dem Maststellen müssen wir noch segeln gehen, wegen dem letzten Feintrimm und so. Gut, ich also den Kahn seefest verstaut, um 14 Uhr kam dann endlich der Mast drauf. Grobe Einstellarbeiten, Millimeter dann hier und da, Mast hochpumpen und ablassen (was es für einen Quatsch gibt...), wieder hoch und runter, Millimeter hier und da.... Dazwischen hundertmal ein prüfender Blick meines Chefs, ob der Mast gerade steht. Um 21 Uhr wurde die Fock gesetzt, es waren keine Schoten da. Um 21.30 Uhr stellten wir die Arbeit ein, weil man nichts mehr sah. Er wollte am Mittwoch wieder kommen und weiter machen. Klasse. Ich hatte Chaos hoch zehn auf dem Kahn, mein Chef (der um 12 gekommen war) ging um 17 Uhr wieder (nach einem letzten prüfenden Blick auf den Mast – vielleicht doch krumm?). Der Tisch, auf dem der Mast versehentlich landete, lag in Trümmern unten, alle Bodenbretter waren Kreuz und Quer, mein gesamtes Werkzeug irgendwo verteilt. Meine Putzarbeit vom Vortag war so unsinnig wie sonst noch was gewesen, kurzum, nach einem Abendessen kam ich um 1 Uhr am Ostersonntagmorgen in meine Koje, die übersäht mit Werkzeugen, Holzteilen vom Tisch, leeren Kartons und vielen anderen tausend Sachen als „Ablage“ gedient hatten. Ich sage Euch, Skipper ist ein Traumjob. Vielleicht hält der Mast, das ich mich heute Nacht daran aufhängen kann.... Von einem 100.000.- Euromast kann man das ja wohl verlangen! Ach nein, lieber nicht, er könnte sonst schief werden.
Ostersonntag, 12.04. Die erste Fahrt mit dem Schiffchen. Alle im Hafen (die mein Schiffchen kannten) meinten, das sie Ausschau nach roten Raketen halten wollten. Sehr beruhigend, solche Freunde zu haben. Aber ich hatte auch schon in Erwägung gezogen, ob es nicht besser wäre, den Seenotrettungskreuzer mal sicherheitshalber nebenher fahren zu lassen – man kann ja nie wissen. Trotzdem ging alles soweit gut und das Schiffchen machte gute Fahrt. Ich nahm Margarete mit, eine Bekannte aus den Hafenrestaurant. So kam sie mal raus, es war ihre erste Fahrt auf so einem Segelboot – bestimmt auch ihre letzte. Sie kennt den Kahn, hat mich ab und zu besucht – und bedauert. Dann kamen wir in Stralsund an. Ein Traum. Alles voller Touristen, die das Anlegemanöver kritisch beobachteten. Margarete hatte zwar keine Ahnung, gab sich aber alle Mühe und wir waren auch gleich fest. Dann besichtigte ich erst einmal den Hafen, wo ich hin sollte. Ein noch besserer Traum. Kein Wasser, kein Strom, keine Dusche oder WC, eine raue Betonwand und ein Minihafenbecken, wo ein Wendemanöver zum Gewaltakt wird. Bin auch gleich unter den Augen meines Chefs mit dem Anker an die Wand gestoßen. Komisch, sonst passiert mir so was nie. Er kam dann gleich mit Frau und seinen zwei Kinder an Bord und prüfte, ob der Mast gerade steht. Ich mag Kinder. Am liebsten mit viel Soße, richtig schön rösch und mit Zwiebel gefüllt. Die haben Papa und Mama gut erzogen. „Kind lass das sein, fass das nicht an“. „Papa, ich will aber“ „Na gut, dann mach eben“... Nach einem Besuch der Gorch Fock (das echte Original, also Gorch Fock Nr.1) ging ich langsam ans Klar Schiff machen, morgen sollte ja die Schiffstaufe sein. Chef sagte, es gehe um 10.30 Uhr los. Klasse, dann hau ich um 9 Uhr ab. Nee, ich soll dableiben, sei doch mit die wichtigste Person hier. Dabei bin ich doch schon lange getauft.
Er schleppte neue Sachen an. Dann war er weg. Eine halbe Stunde später kam er erneut, mit Luftschlangen, Ballons und Kindertischfeuerwerk. Seine Kinder tobten durchs Schiff, ich hatte gerade gesaugt. Und bunte Wimpelchen und Tischdekor – soll das eine Faschingsveranstaltung werden? Ich geh um 9... Hatte gerade den Tisch repariert, der dem Mast zum Opfer fiel, als es oben plötzlich trampelt. Chef mit Kids, Oma und anderer Oma. Zuerst prüfender Blick, ob der Mast noch gerade steht. „Wir wollen gar nicht stören, ach, sie basteln gerade?“ Halbe Stunde später saugt klein Ulli zum dritten mal, Schokoladenflecke entfernen. „Ulli, hast Du mal eine Taschenlampe?“ Häh? Es scheint die Sonne, wozu braucht Chef eine Taschenlampe? „Die Kinder wollen damit spielen“... Kind gegrillt ist bestimmt auch lecker. Um 21 Uhr ist endlich alles sauber und aufgeräumt für das große Spektakel.
Ostermontag, 13.04.
Um 5.30 Uhr war die Nacht zu Ende und Schluss mit Lustig. Nebenan wurden kleine(Führerscheinfreie) Motorboote verliehen und Fischer sind nun mal Frühaufsteher. Was ich nicht wusste, es sind auch lustige Kerlchen. Sie lachten und riefen sich etwas zu. Zwar lagen sie nebeneinander (bevor sie losfuhren), aber die Lautstärke hätte ausgereicht, um ganz Stralsund in Alarmbereitschaft zu versetzen. Um halb Acht waren dann endlich die letzten weg und es kehrte wieder Ruhe ein. Meine Putzarbeit vom Vortag war auch unsinnig gewesen, über Nacht hatte der Wind wieder jede Menge Müll, Sand und Staub auf das Schiffchen geblasen. Aber wenn man eh wach ist, kann man auch noch mal... Die bunten Fähnchen wurden gehisst, die Osterhasenballon aufgeblasen und angebracht – alles recht nett. Um 10 Uhr kamen dann die befürchteten ersten Gäste (mit Kinder – was auch sonst) und Hunde. Kurz danach ähnelte der Kahn einem Schlachtfeld, klebrige Limo ergoss sich über den Kartentisch und so weiter. Ich wollte eigentlich flüchten, musste aber mit Erdbeeren und Ananasstückchen rumgehen. Prüfende Blicke, ob der Mast noch gerade steht. Dann noch Sekt (morgens auf nüchternen Magen) statt etwas zum Beißen. Zur Krönung stellte mein Chef ein Schild auf: „Tagestörns mit erfahrenem Skipper ohne Schein“. Tolle Sache, da fahren die Leute mit. Ein Skipper ohne Schein. Gemeint war natürlich, das die Leute keinen Schein brauchen. Um 14 Uhr hatten dann die Leute auch irgendwie keine rechte Lust mehr und verschwanden alle. Nur mein Chef, mit Frau und Kind wollten noch die Sonne genießen und belagerten den Kahn. Immer wieder der prüfende Blick, ob der Mast noch gerade steht. Um 15 Uhr gingen sie dann. Aber schon 10 Minuten später der nächste Anruf, das er noch mal kommt und die restlichen Sachen vorbei bringt (noch mehr auf den Kahn? Wohin damit?). Ein Traum. Ich versuchte noch einige Sachen zu machen, aber alles unter den kritischen Blicken der Tausenden Touris, die hier vorbei ziehen. Die Fachgespräche, die ich am Rande führte, erspare ich Euch lieber. Kam nicht wirklich etwas qualifiziertes rüber. Aber ich habe ein schickes Schiffchen (sagen sie jedenfalls, die Experten). Habe dann die etwas eigenartige Konstruktion meines Achterstags nochmals versucht zusammen zu bauen. Sogar der Mastbauer ist daran
gescheitert. Für die Experten unter Euch: habe dann unter zu Hilfenahme einer Arbeitstalje (über Winsch gelegt) versucht das Teil zusammen zu ziehen (20 cm). Die Winsch gab beinah auf, das Seil bereits eingerissen, nur das ominöse Achterstag blieb Sieger. Na gut, zu was braucht man auch so was...
Beim Maststellen wurde ja der Mast ständig hoch und runter gelassen. Leider hat es das Kabel der Windanzeige nicht überlebt, als auf das Kabel der Mast gestellt wurde. So ein plattes Kabel habe ich noch nie gesehen. Na gut, dann eben ohne Windanzeige. Neues Kabel einziehen ist nicht mehr möglich, erst nächstes Jahr, oder übernächstes. Schade, war ein schönes Teil.
Um 18 Uhr beschloss ich dann Feierabend zu machen, Chef hat mich wohl vergessen. Ging dann mal los und habe mir eine Pizza zum mitnehmen („to go“ auf Neudeutsch) geholt. Roch im Schiff sehr lecker. Als ich die Gabel zum vernichtenden Stoß ansetzte, kam Chef. 20 Min. später Chef weg, Pizza kalt. Ein Traum. Natürlich noch ein obligatorischer prüfender Blick. Morgen verstelle ich den Mast, damit er krumm und schief wird. Werde heute wohl um 20 Uhr schlafen gehen, damit ich mit den Fischern aufstehen kann. Aber vorher schau ich noch mal nach, ob der Mast noch gerade ist...
14.04. Mast steht gerade (warum sollte er auch nicht...), die Fischer hatten Verspätung. Erst ab 6.30 Uhr wurde gelacht. Schade, war ab 6 schon wach, zu früh ins Bett. Anstatt um 9 (wie verabredet) kam um 12 Uhr der Mann von der SeeBG (sozusagen der zweite TÜV) an Bord. Kurze Erwähnung der Thor Heyerdahl und schon wider waren wir die besten Freunde. Noch eine Tasse heißen Kaffee spendiert und um 13.45 Uhr verließ er das Schiff in bester Laune. Das noch einige Sachen auf seiner Liste fehlten, nahm er mal nicht persönlich, er wolle unbürokratisch noch mal vorbei schauen, wenn ich alles habe. Er stellte mir die Fahrerlaubnis aus, alles war gut. Chef hat es (telefonisch) gefreut (normalerweise geht es nicht ganz so einfach, aber als Traditionsschiffer hat man gutes Ansehen) und er kam dann auch gleich an Bord (dieser Feigling) um nachzusehen, ob sein Mast noch gerade steht. Morgen bring ich ihn um, oder ich stelle seinen Mast auf halb Acht.... Morgen kommt der Segelmacher wieder, mal sehen, welche fehlenden Teile er diesmal mitbringt. Irgendwas wird schon gebastelt werden. Übermorgen kommen die Kurzschlussmechaniker (Elektriker) und basteln weiter, vielleicht komme ich bis Mai mal aus dem Hafen raus.
Inzwischen habe ich auch mit dem Hafenmeister des Sportboothafens (ca. 200 Meter weg) gesprochen, ich kann bei ihm ins Internet, Wasser bunkern und sogar Duschen. Natürlich nicht umsonst, aber man hat’s ja. So langsam fassen die Leute Vertrauen zu mir. Ich bringe den Eingeborenen immer nette Geschenke mit – bunte Papierstückchen und runde Metallstücke, die sie hier als Geld bezeichnen. Das stimmt sie etwas milder und ich erreiche mein Ziel. Vielleicht wird irgendwann doch noch alles gut.
Das soll’s fürs Erste gewesen sein, ich melde mich wieder, kann ja jetzt sogar die hiesige elektronische Datenübertragung nutzen. Muss zwar mein Notebook zum Hafen rüber tragen, weil ich im Sendeschatten liege, aber ich gehe ja gerne mit ihm Gassi. Und wenn die Touris weg sind, ist es ja alles kein Problem.
Ich wünsche Euch allen einstweilen eine schöne Zeit, denkt an mich und ich werde mein Autochen auch weiterhin sehr vermissen. Aber was soll’s, das Leben geht weiter, habe ja noch ein Fahrrad.
Liebe Grüße an Alle
Euer Ulli
15.04. Heute kommt der Mastbauer und Segelmacher wieder. Hat er jedenfalls gesagt. Aber daraus wurde nichts. Dafür rief mein Chef an, ich soll mal schnell den Bugkorb umbauen. So gefällt ihm das ganze nicht. Klar, ich habe ja eine Werkstatt mit Schweiß- und Biegegerät etc. hier an Bord. Nach einigen Worten hin und her meinte er dann, ich solle doch den Stahlbauer um Rat fragen. Also lief ich da mal hin. 30 Min. einfacher Weg, als Seemann ist man ja auch gut zu Fuß. Der meinte nur, das mein Chef langsam spinnt. Umbauen geht gar nicht, den muss er völlig neu machen, kostet aber ca. 500.- Teuro. Und schnell ist auch nicht, dauert ca. 1 Woche. Na gut, ich hab ja alle Zeit der Welt. Später rief mein Chef wieder an. Klar, lassen wir bauen. Bekommt er das bis Freitag hin? Hä? Heute ist Mittwoch. Ich sagte klar, Freitag nächste Woche geht schon. Die „nächste Woche“ hat er wohl nicht richtig wahrgenommen. Egal. Seit heute habe ich auch ein echtes Wüstenschiff. Der Wind pfeift durch die Häuserschluchten und haut mir Kiloweise Sand auf den Kahn. Als ich zurück kam, war wohl der Kurzschlußmechaniker da gewesen und hatte etwas gemacht. Jedenfalls hat er nicht die Luke zugemacht, als er ging. Resümee: Überall im Schiff (selbst in meinem Schlafsack) überall Sand, Dreck und sonstiger Unrat, der so im Hafen umher flog. Der Hafen hier ist ja eh schon sehr – wie soll man sagen – sauber. Im Hafenwasser treibt alles vorbei, was man sich nur vorstellen kann. Tote Vögel, Fische, Plastiktüten, Diesel und sonstiges. Die Fischer neben mir, begießen mit dem Wasser ihre Fische. Seit dem nehme ich von derartigen Nahrungsmittel weit Abstand. Umbringen kann ich mich anders sicher leichter. Aber es sind nette Eingeborene. Ich kann, seit ich hier bin, wählen zwischen meinem Dieselgestank und totem Fisch. Ach ja, nach der Mail von gestern, die ja an Alle raus ging, kam gleich ein Skipper von Rügen (hier gleich um die Ecke), um mir moralischen Beistand zu leisten. Nach einer kurzen Schiffsbesichtigung sah er ein, warum ich nicht wirklich begeistert war. Aber – es tut gut wenigstens derartigen Zuspruch zu erhalten. Zumindest bilde ich mir das alles nicht nur ein. Ja, was ist sonst noch passiert? Bin dann noch mal zum Edelstahlbauer gelaufen, weil ich noch eine Verlängerung fürs Achterstag brauchte (diesmal Schiff abgeschlossen). Das Ding war definitiv 25 cm zu kurz. Jetzt schaut es zwar eigenartig aus, aber es passt. Der Verkäufer kam zufällig vorbei (der Hafenteil, in dem ich liege, hat er gepachtet) und meinte nur, das dieses Teil eben falsch wäre, aber so was kann ja mal vorkommen. OK, wenn es denn der einzige Fehler gewesen wäre – aber das hatten wir ja schon.
Mein Chef kam nur noch kurz vorbei, mal nachsehen, ob der Mast noch gerade ist und brachte mir 5 mal Segelzeug für Leute vorbei, falls jemand nichts hat und damit ich auf jeden Fall fahren könnte. Klar, bei Regen wollen Touris raus. MUSTO, das teuerste vom feinsten. Kaufe ich mir nicht mal, obwohl ich es jeden Tag anhätte und sicher mehr gebrauchen könnte als irgendwelche Touris. Egal, Vornehm geht das Schiffchen unter...
Morgen soll nun der Mastbauer kommen. Vielleicht auch erst nächstes Jahr, wir werden sehen. Wegen dem Wind schwankt das Schiff schon jetzt sehr sehr beachtlich, obwohl noch kein Segel oben ist. Wie soll das erst werden, wenn die Lappen oben hängen? Habe ich meinen Kiel (das Gegengewicht) verloren? Normal ist das jedenfalls nicht, das man im Hafen Seekrank wird. Aber alle Schiffe dieser Bauart (hier liegen 6 davon) schwanken, als wäre Hurrikansaison und wir unter Vollzeug in Regattafahrt. Zwei sind vorhin schon brachial mit den Masten zusammen geschlagen. Mal sehen, vielleicht schlafe ich heute Nacht im Hotel. Sicherer wäre es. Ein echter Seemann ist ja durch nichts zu erschüttern, also bin ich bei dem Sandsturm noch mal losgezogen, habe mich mit meinem Laptop im Windschatten hinter dem Hafenmeisterhäuschen verschanzt und meine Mails abgeholt. Es tut gut Euren Zuspruch zu bekommen. Da merkt man gleich, das alles irgendwann wieder
Gut wird. Hier nur zwei Beispiele, zwei von vielen:
Hallo Ulli, ich freue mich immer wieder von Dir zu hören / lesen. Dieser Bericht übertrifft aber alles. Habe gerade Tränen gelacht,.. ganz allein vorm Computer. Passiert echt selten! Dein Chef...ein Riesentyp, so wies scheint. Nimm´s mit Humor. Hut ab, wie Du das bis dahin durchgezogen hast. Das mit Deinem Auto war ein bisschen Pech? Weiterhin und trotzdem Alles Gute und ganz herzliche Segelgrüße von Bernd
Hallo Ulli,
es war schön, wieder etwas von Dir zu hören. Vielen Dank für Deinen ausführlichen Bericht der, wäre der Hintergrund nicht so ernst, Thema für ein Kabarett wäre. Im Ernst, Du hast schriftstellerische Fähigkeiten. Wünsche Dir, dass nun auch mal eine Phase kommt, in der Du das Segeln genießen kannst. Viele Grüß Hans
Schön, das ich Euch damit wenigstens etwas erheitern und von meinen Erlebnissen
berichten kann. Morgen Früh werden wieder so gegen 9 Uhr die Schleusen geöffnet und tausende Touris strömen in die Stadt. Hauptsächlich welche mit einem B als Nummernschild, wo ein nettes Bärchen drauf ist. Bei den meisten hat man allerdings den Eindruck, das „B“ steht für Bescheuert oder Bekloppt. Die habe wohl Ferien, vermute ich mal. Dann laufen sie alle hier vorbei, begaffen einen, als wäre man ein Zootier. Vielleicht beginnen sie bald, mir Erdnüsse zuzuwerfen um mich damit zu füttern. Wäre auch egal, ich mag Erdnüsse eigentlich ganz gerne.
Bei manchen fragt man sich schon, ob die das Gehirn zu Hause vergessen haben. Hier an der Kaikante, wo ich derzeit liege, ist auch gleichzeitig Parkplatz. Ist auch dementsprechend beschildert und ein Parkscheinautomat steht direkt bei meinem Schiffchen. Heute fragte mich einer, ob das hier ein Parkplatz sei. Ich sagte ihm, das das hier kein Parkplatz ist. Die haben sich alle nur hier hingestellt und warten darauf, das sie abgeschleppt werden. Er stieg dann wieder ein und fuhr weg.
Ich werde, wenn ich an Deck bin, auch zigmal gefragt, ob ich nicht mal schnell Geld wechseln könnte. Schau ich aus wie eine Bank? Oder das Schiff wie ein Tresor?Abgesehen davon sind die Parkgebühren hier unverschämt. 3 Stunden 5 Teuro. Einmal WC 1 Teuro, Fischbrötchen 3,50 Teuro, Limo 0,33 für 1,60 Teuro. Na, da falle ich mit meinen Fahrpreisen nicht mehr sehr auf. Für die große Rundfahrt (8 Stunden) 94.- Teuro, die Abendtour ( 4 Stunden) 48.- Teuro und das Schiff (Inklusive Skipper ohne Schein) für einen Tag 1.200.- Teuro. Für das Geld kann man sich wo anders einen Kahn für eine ganze Woche mieten. Allerdings bekommt man dann keinen Ulli dazu. Und der ist bekanntlich unbezahlbar. Deswegen bekomme ich auch oft kein Geld. Ach ja, ich wurde gefragt, was denn das für ein Kahn ist. Es ist eine SALONA 42, wird in Kroatien zusammen gezimmert, angeblich Hochseezulassung (möchte ich aber nie wirklich ausprobieren) für 12 Leute. Mit 6 ist der Kahn aber schon voll, vier wäre gut machbar. Wenn es interessiert, schaut mal im Internet nach, da müssten mehr Infos drinnen sein. Allerdings stimmen die nicht wirklich. Ich kann das aber hier momentan nicht nachprüfen, habe nur ein sehr begrenztes Zeitfenster für meinen Internetzugang (1 Stunde für 5 Teuro). Wenn ich dann einen besseren Zugang habe, werde ich auch mal ein paar Bilder mitschicken. Habe genug gemacht, sonst glaubt man mir den ganzen Wahnsinn gar nicht. Übrigens soll SALONA im Yachttest sehr gut abgeschnitten haben. Gut, was man von der Yacht zu halten hat, weiß man ja. Aber vielleicht waren die Tester auch nie unter Deck, Blind und Blöd oder nur gut bezahlt (das Wahrscheinlichste). Mein Testbericht würde wohl etwas anders ausfallen. Mein Endurteil: Seeventile auf und ab damit auf den Meeresgrund.
16.04.
Der Wetterbericht schaut nicht wirklich erbaulich aus.
VORHERSAGE DEUTSCHE OSTSEEKUESTE BIS 16.04.2009 18 UTC:
FLENSBURG BIS FEHMARN:
E 6, SPAETER ETWAS ZUNEHMEND, ZEITWEISE DIESIG.
OESTLICH FEHMARN BIS RUEGEN:
E 6, SPAETER ETWAS ZUNEHMEND, ZEITWEISE DIESIG.
OESTLICH RUEGEN:
E-NE UM 5-6, ZEITWEISE DIESIG.
Ostwind heißt, mein Schiffchen müllt weiter zu. Ähnelt sowieso einer Müllhalde. Überall liegt an Deck Sand und Hafenmüll. Der Kahn schauckelt bedenklich und Lüften kann ich auch nicht mehr. Heute soll ja (mal wieder) der Mastbauer kommen, ob wir so an Deck überhaupt arbeiten können, ich weiß es nicht. Durch den Sand ist alles derart rutschig, das es schon leicht gefährlich ist. Aber der Mast ist noch gerade. Alles wird gut.
Er kam dann auch, wie befürchtet. Um 19.20 ging er dann, es war nur die halbe Arbeit getan, da wieder Teile fehlten. Den Rest schickt er mir zu, kann ich dann selbst anbauen (sagt er). Aber – der Kahn ist erst mal segelbereit (mit kleinen Einschränkungen).
Mein Chef kam natürlich auch (nachsehen, ob der Mast noch gerade steht). Den Bugkorb soll ich wieder abbestellen – hat er sich überlegt. Er kommt mir wie ein völlig verzogener Bengel vor, der nicht weiß was er mit seinem Spielzeug machen soll. Dafür darf ich in den anderen (richtigen) Hafen, nachdem er die schwimmende Müllhalde gesehen hat. Kostet ihn ja nur 2.000.- Teuro, was soll’s. Die Verhandlungen waren zwar schwierig, weil man mich dort gar nicht reinlassen wollte (als er den Namen meines Chefs hörte), aber klein Ulli macht ja fasst alles möglich. Das man nun segeln könnte - Chef war hocherfreut. Er meinte, dann kann es ja am Samstag losgehen. Habe mir dann zum Abendessen eine Pizza geleistet, tut richtig gut, mal keinen Sand zu kauen. Dfür schwankte die Pizzeria erheblich. Landkrankheit – eigentlich etwas, was man nur nach tagelanger Seefahrt hat. Aber der Kahn schwankt ja schon im Hafen schlimmer als alles bisherige auf hoher See. Und betritt man dann wieder festen Boden, dann schwankt der, weil man die Ausgleichsbewegungen gewohnt ist. Klingt albern, ist aber ein echtes Problem. Viele Seeleute stolpern bei den ersten Schritten an Land und fliegen über ihre eigenen Füße. Alle, die das sehen, meinen dann, das alle Seeleute immer nur saufen und Sternhagel blau sind. Wenigstens schlafe ich gut, werde ja wieder in den Schlaf gewiegt. Dafür wird dann oft ein normales, ruhig stehendes Bett zum Problem, wenn man das ewige Schaukeln gewohnt ist. Die Landkrankheit ist genauso schlimm wie die Seekrankheit umgekehrt.
Was für ein Drama. Habe gerade meine Mails abgerufen und erfahren, das Ihr Euch alle an meinem Leid ergötzt und lachend vor dem Computer sitzt. Nee, was habe ich für Freunde und Bekannte. Schämt Ihr Euch nicht? Ich leide hier wie ein Hund und Ihr lacht?! Aber gut – ich habe es ja selbst so gewollt – und schreibe ja immer noch all diesen Quatsch hier auf. Darf mich ja gar nicht beklagen. Aber nun ab in die schaukelnde Koje, morgen soll der Radarmast hinten angebracht werden, Kabel durch das gesamte Schiff ziehen, alles anstöpseln usw. Wird sicher wieder ein aufregender Tag und zehn neue Baustellen aufgerissen. Möchte nur eine einzige mal endlich zubekommen. Nur eine – Schnief !!!
Freitag, 17.04.
Heute kam mein Lieblingskurzschlussmechaniker und brachte den Radarmast fürs Heck mit, wo alle Antennen auch mit drauf sind. Um 12 Uhr stand der Mast und alle Kabel waren verlegt – alles lief. Auch mein Chef lief plötzlich vor dem Schiff auf und ab, er schien auf etwas zu warten. Er kam heute mit einem ganz anderen Auto, aber man braucht sich bei ihm ja über nichts mehr zu wundern. Als dann die letzten Tests für die ganze Funkerei erledigt waren, kam er an Bord. Er gab mir den Autoschlüssel, (in der Hand hatte er die einstweilige Fahrerlaubnis von der SeeBG) und meinte, „Hier, das ist Dein Leihwagen“. Vornehm, dachte ich, jetzt bekomme ich sogar noch einen Leihwagen, obwohl mir der nähere Sinn dessen sich nicht wirklich erschloß. Deswegen fragte ich mal nach, wozu ich denn einen Leihwagen bekommen solle. Er zeigte mir mit einem stolzen Lächeln die Fahrerlaubnis und sagte wortwörtlich: „Jetzt habe ich alles erreicht, was ich wollte. Mit dem Leihwagen kannst Du nach Hause fahren, in zehn Minuten bist Du verschwunden. Hier (er zog einen weiteren Zettel hervor) mache ich von meinem vierwöchigen Kündigungsrecht gebrauch, Du bekommst noch bis Mitte Mai Dein Geld und nun pack Deine Sachen und verschwinde.“ Er begab sich wieder zum Mast um nachzusehen, ob er noch gerade war. Sowohl der Elektriker wie auch ich standen da, als hätte uns einer einen Holzhammer über den Schädel gezogen. Eigentlich hätte ich gerne dazu etwas gesagt, aber da ist ja wohl jedes weitere Wort überflüssig. Der Elektriker meinte nur, das das eben ja wohl das tollste war, was er in seiner Laufbahn bisher erlebt hatte. Half mir nur nicht wirklich weiter.
Kurzum, ich packte meine Sachen und verließ die schwimmende Müllhalde. Aber: ich rief den netten Kerl bei der SeeBG an und teilte ihm mit, was eben passiert war. Er meinte nur, (weil ja alles auf meinen Namen lief und ich als Schiffsführer eingetragen war) das er dann mit sofortiger Wirkung die Fahrerlaubnis wieder zurück nimmt und der Wasserschutzpolizei bescheid sagt. Sobald mein Ex-Cef, mit Gästen, auch nur die Nase aus dem Hafen rausstreckt, liegt er an der Kette. Dann machte ich auch noch den neuen Liegeplatz wieder rückgängig (der Hafenmeister verstand die Geschichte auch nicht, meinte aber, das dies bei de Chef eine gängige Methode sei) und sagte, das er hier nicht mehr rein kommt. Nun liegt der Kahn also weiter an der Müllpier, darf nicht mehr fahren und eine neue Abnahme ist notwendig.
Ich fuhr mit dem Leihwagen erst mal nach Neuhof (der erste Hafen), um mich dort von allen zu verabschieden. Alle waren entsetzt und enttäuscht. Auch die Nachlieferungen einiger Teile (erforderlich für die SeeBG-Abnahme) wurden gestoppt. Damit ist die neue Abnahme unmöglich, die Teile müssen an Bord sein (für die Insider: Ersatzimpeller, Keilriemen, etc.). In Neuhof bot man mir an, ich könne noch zwei Tage hier bleiben, da ich am Sonntag Nachmittag einen Termin in Rostock hatte. Habe bei einer Frau angerufen, die mal fragte, ob ich für sie fahren könnte. Und sie brauchte noch jemand. Dann fahre ich eben ein anderes Schiffchen, in einem anderen Gebiet und endlich auch richtige Touren. Vielleicht hat es ja auch etwas Gutes, das ich rausgeworfen wurde....
Nachtrag:
Alles muss einmal ein Ende haben, so auch dieser Bericht. Also: der Termin in Rostock fand nicht statt. Ich bekam am Sonntag Morgen um 06.15 Uhr (?) eine SMS, das sie nicht nach Rostock kommt. Man muss aber dazu sagen, das die gute Frau mich schon einmal ziemlich böse verscheißert hat. Sie hatte mal angefragt, ob ich für sie als Skipper nach Riga, Tallin, Helsinki und Stockholm fahren kann. Klar, hatte die Tour ja schon mal gemacht, also habe ich für sie eine Reise ausgearbeitet und ihr meine damaligen Bilder zur Verfügung gestellt. Kurz danach kam dann eine Mail, das es nicht klappt, also 4 Stunden Arbeit umsonst. Heute steht „meine“ Reise mit meinen Bildern als Törn auf ihrer Internetseite. Sie behauptete aber, das sie die Mail (mit der Absage) mir niemals zugeschickt hat und ich alles frei erfunden habe. Komisch, es war ihr Mailabsender, ihr Schreibstil und wer sollte als Hacker soviel Insiderwissen haben (und wozu) mir so eine Mail zu schicken...
Am Samstag bekam ich dann noch einen Anruf des Schiffsnachbarn (in Stralsund), das mein Ex-Chef gerade mit zahlenden Gästen losfährt. Allerdings konnte er von seinem Liegeplatz aus nicht sehen, ob die WaPo (Wasserschutzpolizei) etwas macht und er musste dann auch weg. Ich schrieb das dann gleich per Mail an die SeeBG, bin ja sonst als eingetragener Schiffsführer verantwortlich.
Also fuhr ich dann am Sonntag nach Hause. Zu Hause angekommen fand ich in der Garage einen Karton. Darin war alles, was von meinem Auto übrig geblieben war. Ich könnte ja die Nummernschilder dranschrauben und mich in den Karton setzen... Schnief.
Dafür kamen auch gleich meine Nachbarn um nachzusehen, ob es denn wirklich wahr ist, das ich wieder im Lande bin. Sie boten mir jegliche erdenkliche Hilfe an, schön zu wissen, das man doch noch gute Menschen um sich herum hat und nicht nur Verrückte.
Mal sehen, wie es nun weiter geht. Sicher wird sich etwas finden. Vielleicht bewerbe ich mich ja als Straßenkehrer oder Friedhofsgärtner. Was will man auch von einem Skipper ohne Schein, und jetzt auch ohne Schiff, schon erwarten. Aber ich hoffe inständig, das der Mast schief wird (warum auch immer). Mein Ex-Chef hatte sogar die Unverschämtheit, seine illegale Fahrt im Internet anzukündigen. Unter www.seatrips.de (Neuigkeiten) könnt Ihr es nachlesen bzw. Bilder von meiner Jungfernfahrt ansehen.
Wie auch immer die Geschichte denn weiter geht, ich werde weiter berichten, ob Ihr nun wollt oder nicht – da müsst Ihr jetzt durch und mitleiden...
Danke für alle tröstenden Worte Eurerseits. Es tut in solchen Zeiten gut, das man auch noch ab und zu mal vernünftige Worte zu Hören bekommt.
Viele liebe Grüße an Alle
Euer Ulli