Nächtlicher Besuch
Wir fuhren mit unserem Segelschiff in der Nähe von Malaga / Spanien. An Bord hatte ich eine gute Crew, die auch vieles selbständig machen konnte, also doch recht erfahrene Segler. Es war ziemlich spät, draußen tiefe Nacht, schätzungsweise so gegen 22.30 Uhr. Meine Mannschaft lag teilweise in der Koje, zwei hatten Ruderwache und ich saß noch am Navitisch, letzte Einträge ins Bordbuch machend. Wir hatten noch etwa 4 Stunden bis in den Hafen Benalmadena vor uns, also genug Zeit für Zettelwirtschaft und sonstiger Blödsinn. Draußen wehte ein netter Wind mit 3 bis 4 Bft aus SW, wir liefen etwa 6 kn, alles bestens. Im Radio lief leise irgend ein spanischer Sender mit Flamencomusik (auf Dauer nicht wirklich zu empfehlen) und auch sonst schien es eine nette Nachtfahrt zu werden. Doch plötzlich erklang aus dem Funkgerät eine zaghafte Frauenstimme auf deutsch: „Hallo, ist da wer, der uns helfen kann?“ Das war nun nicht gerade feinstes Funkerlatein, aber wenn man eh nichts besseres zu tun hat... und da klein Ulli sich ja immer in alles reinmischen muss, fragte ich mal an, was denn das Problem so sei. Sie Frau erklärte mir, das sie eine Reisegruppe seien (5 Gäste) und ein Skipper. Der liege aber sturzbesoffen in der Koje und sie fahren irgendwie aufs Land zu, wissen nicht mehr, was sie machen sollen und wo sie sind, keiner habe Erfahrung mit Segeln. Klasse. Genau das, was man in einer lauen Spätsommernacht so braucht.
Die fremde Crew erzählte mir, das sie etwas Zweifel an der Qualifikation des Skippers geäußert hätten, da er ab und zu den Kahn stoppte, um festzustellen, woher der Wind kam. Irgendwie hatten sie dies einmal anders gelernt... Daraufhin hatte sich der verantwortungsvolle Schiffsführer zurückgezogen und sich die Kante gegeben. Eigentlich wollten sie nach Marbella, aber sie waren froh, überhaupt irgendwo angekommen zu sein.
Meine Crew, inzwischen an Bord des Unglücksdampfers, staunte über derartige Worte, ich war nicht minder begeistert. Ich lud die Schanghaiten noch auf ein Bier zu uns ein. Rüge: meine Crew hatte vergessen die Posilampen auszuschalten – geht ja gar nicht!!!!
Am nächsten Tag flog die andere Crew geschlossen nach Hause, der Urlaub wurde kurzerhand abgebrochen. Verstehe ich irgendwie.
Der andere Skipper befand es nicht einmal für nötig, sich bei mir zu melden oder sonst etwas dazu zu sagen.
Ich sprach einige Monate später das Reiseunternehmen auf diesen Vorfall an. Offenbar wusste man dort nicht viel darüber. Mir wurde nur gesagt, das man sich eben seine Skipper nicht wirklich aussuchen kann. Hauptsache, sie hätten den Schein. Klar; dieses Windbeutelunternehmen (Nomen est Ohmen – oder so ähnlich) chartert Schiffe, setzt irgendeinen Skipper drauf, der für ein Taschengeld seinen Urlaub finanziert und kassiert selbst gut ab. Teilweise sind die Schiffe so voll (Geiz ist ja geil), das sogar im Salon geschlafen werden muss. Eigenartigerweise wollte mich danach das ominöse Reiseunternehmen als Skipper haben. 200.- € die Woche. Klasse Idee. Man lud mich sogar auf ein Skippertreffen nach Holland ein (wo ich auch noch hinging). Das waren echte Helden der Seefahrt. Kaum einer hatte Erfahrung, geschweige denn eine Ahnung von irgend etwas. Man lachte über mich, weil ich meine Rettungsweste anhallte. Bestes, ruhiges Wetter und große Schiffe. Einige zigen sie dann doch an – warum auch immer. Und am Schluss fiel einer beim Anlegen über Bord.