Logbuch

Reiseberichte und Anekdoten des Weltumseglers Ulli Barth

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Es ist nicht immer alles wahr, was stimmt.... (14:07, 20.02.2012)

Man versuchte wirklich mit allen Mitteln diesen Bericht zu verhindern....

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Tötet den Hafenmeister! (14:53, 22.02.2012)

Hier ein paar Gedanken, die einem als Skipper so durch den Kopf gehen,...

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Schiff'le versenken (19:29, 19.06.2011)

Im März 2011 wurde ein Schwerwettertraining auf der Nordsee (Cuxhaven - Helgoland) durchgef&uum...

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Hurtig oder sakte Fart - Im Land der Steinreichen (18:42, 28.04.2011)

Für alle, die schon immer mal in den Norden wollten - hier geht es wenigstens als Lektüre....

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Ebenfalls leidender Kollege (16:18, 22.12.2011)

Also nicht nur ich....

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Gerda auf Abwegen

Oft ist es so, das man das Gefühl hat, das Frauen oft nur mit ihren Männern segeln gehen, um ihnen einen Gefallen zu tun. Es sind die Männer, die ein Schiff kaufen wollen, die Frau dann aber letztendlich die Kaufentscheidung wesentlich beeinflusst. Da ist die Ausstattung der Küche, die Farbe der Polster und diverse Sachen dann wichtig. In erster Linie ist aber ein Segelschiff ja ein Zweckgegenstand, genauso wie ein Auto. Aber auch hier darf es etwas mehr Luxus durchaus sein, es werden Sachen eingebaut, die man gar nicht bräuchte oder deren Sinn sich dem Fahrer manchmal gar nicht erschließt.

 
Aber zurück zu den Schiffen: Wie gesagt, es sind eben oft die Männer, die das „Sagen“ an Bord haben. Das sieht dann folgendermaßen aus: Mann kauft Schiff (oder bringt es in die Partnerschaft schon mit ein), baut darauf alle möglichen Geräte, legt die Reiserouten fest (da er ja das „Wissen“ um Wind und Strömungen hat, Frau ist eigentlich nur an Bord geduldet, da Mann sie als Crew braucht – jedenfalls hat man oft diesen Eindruck). Wie dem auch sei, oft sieht man dann in den Häfen, das Mann am Ruder steht, den Kahn, mehr oder weniger, souverän in den Hafen steuert und dann beginnt ein Drama der ganz besonderen Art. Frau springt mit Leinen und Fender über Deck, Mann ruft Anweisungen, Frau drückt, schiebt, zerrt wie bekloppt, um die Fahrfehler auszugleichen, Mann flippt aus, weil Frau nichts kapiert oder zu schwach ist – irgendwann ist der Kahn dann irgendwie fest und der Haussegen hängt schief. Mann ist enttäuscht, weil Frau zu doof ist und Frau ist sauer, weil sie nur als Sklave missbraucht wird, am Schluss noch Schuld ist oder gar nicht anders kann.
 
So auch bei einem Paar, bei welchem ich einmal eingeladen wurde, ein paar Tage einen Törn mitzufahren. Heinz, ein Mann von ca. 45 Jahren, kräftiger Gestalt und stolzer Besitzer des Küstenscheins stand am Ruder. Gerda, seine Frau, zierlich und mit 40 Jahren Lebenserfahrung musste besagte Schwerstarbeit leisten. Ich sollte beim Ablegen nicht helfen, da ich ja Gast war. Das Ablegemanöver war nicht gerade Lehrbuchmäßig und Gerda sollte die Fehler ausgleichen. Gut, bei 13 Meter geht das halbwegs, aber man muss schon wissen, was man macht. Und genau das war der Punkt. Gerda wusste gar nichts, Heinz behielt sein Wissen für sich und Gerda konnte nur Anweisungen befolgen. Unter uns – ich hatte den Eindruck, das Heinz diese Vormachtsstellung auch brauchte. Auch sonst hatte er wohl die Hosen an, aber das nur am Rande. Jedenfalls kann klein Ulli die Klappe ja nicht halten und deswegen fragte ich ihn, warum nicht Gerda fährt und er die Leinen bedient, drückt und zerrt, zumal er ja auch körperlich besser dazu geeignet ist. Klar, Gerda durfte nur im freien Fahrwasser ans Ruder, Heinz sagte, was zu tun sei und Gerda musste funktionieren – ohne den Sinn zu verstehen. Heinz war der Meinung, das Frauen eh nicht fahren können und er habe ja den Schein, also soll sie das machen, was er sagt. In den Hafen fahren, das ginge ja gar nicht... „Dann bringe es ihr doch bei, erkläre ihr alles und sie kann es“ entgegnete ich. „Nein, sie soll die Leinen machen und das war’s“.
 
Abgesehen davon, ich möchte nicht wissen, was passiert wäre, wäre Heinz ausgefallen oder über Bord gegangen, dann hätten wohl beide ein ernsthaftes Problem gehabt.
 
Ich sprach auch mit Gerda, warum sie sich das überhaupt gefallen lässt. Sie meinte nur, das sie keinerlei Ahnung hätte, was wie und wann zu tun wäre, Heinz ihr auch nichts erklärt, kurzum sie auch keinen Bock auf den ganzen Mist hätte. Sie sei zur Putzfrau und Köchin degradiert und dürfe nur an Deck etwas machen, wenn es gar nicht mehr anders ginge. Eigentlich wäre ja segeln ganz schön, nur die Rollenverteilung wäre eben falsch. Eigentlich schade, hier ist eine Frau, die sogar etwas lernen will, nur der Mann will nicht, das sie etwas weiß. Vielleicht aus Angst, das sie es dann besser kann? Warum auch immer, es ist jedenfalls oft so. Nur ganz selten sieht man eine Frau am Ruder und der Meister hüpft über Deck.
 
Kurzum – ich fragte Gerda, ob ich ihr etwas beibringen soll. Heinz war oft unterwegs, es wäre also genug Zeit, etwas zu lernen. Sie willigte ein und sie machte schnell mal den Sportbootführerschein See. Und nachdem sie wirklich wissbegierig war und auch schnell lernte, hatte sie kürzester Zeit den Sportseeschifferschein, war also „besser“ wie ihr Mann. Im nächsten Jahr machte sie dann den Sporthochseeschein. Allerdings nur, weil ich sie anstachelte ohne Ende und sie es am Schluss selber wissen wollte. Nicht, weil sie den Schein „zum Vorzeigen wollte“, nein, ihr Ehrgeiz war geweckt und sie wollte es sich selber beweisen. Und das Beste, ihr Mann wusste von alledem absolut nichts.
 
Als sie dann den SHS (Sporthochseeschein) bestanden hatte, schmiedeten wir einen bösen Plan. Sie sagte zu Heinz, man könne doch Ulli mal wieder einladen. Er fand es eine gute Idee und rief mich an. Ich hatte den Törn schon seit zwei Monaten im Kalender stehen, deswegen war ich über die Einladung hocherfreut und sagte zu. Gerda und ich mieteten vor dem Törn noch drei Tage die baugleiche Yacht im Heimathafen von Heinz und Gerda übte nur noch An- und Ablegen. Sie war perfekt vorbereitet.
 
An Bord angekommen, pflanzte sich Heinz wieder hinter dem Ruder auf und Gerda nahm schicksalsergeben die ihr zugedachte Rolle ein. Da legte klein Ulli sein Veto ein. „Sag mal, Du sagtest doch, das der, der den höchsten Schein hat, das Sagen an Bord haben soll.“ Er hielt erschrocken inne. „Willst Du, dann geh ich an die Leinen?!“ „Nein, ich bin doch nur Gast, aber lass doch Gerda ans Ruder“ „Wie?, Gerda?“ Leicht verwirrt blickte er von Gerda zu mir und zurück. „Gerda, zeig ihm mal den Schein“. Gerda holte tief Luft, sie wusste, in wenigen Sekunden änderte sich alles, seine Welt zerbrach und für sie begann eine neue Zeitrechnung.
 
Wortlos und ungläubig sah Heinz auf den Schein seiner Frau, trat Leichenblass vom Ruder zurück, nahm die Leinen und Gerda legte souverän ab, als hätte sie nie etwas anderes getan. Wir fuhren noch an die Tankstelle, bravourös legte sie wieder an. Heinz wurde immer blasser, er sagte kein Wort mehr. Der Törn dauerte drei Tage, Heinz war verstummt. Dafür fachsimpelte Gerda mit mir über das Wetter und Astronavigation – Heinz verstand kein Wort. In den drei Tagen alterte er um mindestens 20 Jahre. Vergnügt ging ich danach von Bord.
 
So sechs Wochen später rief mich Gerda an. Ich war erstaunt was wohl passiert sei. Sie klang sehr entspannt und meinte nur (sehr ruhig), das sie die Scheidung eingereicht hatte. Es musste wohl (rückblickend) schon länger in ihr gegärt haben, es fehlte nur noch die passende Initialzündung. Zwei Monate später teilte sie mir mit, das sie jetzt als Skipperin arbeitete (mit viel Erfolg, wie sich schnell herum sprach). Seitdem bekomme ich so alle 4 bis 6 Monate eine Karte irgendwo aus der Welt, wo nur eines draufsteht „DANKE“. Mehr nicht.
 
Ich denke, jedes Wort mehr wäre überflüssig. Dieses DANKE sagt mehr als tausend Worte. Ich habe sie bis heute nicht mehr gesehen, aber wenn, dann wird es toll. Gerda hat etwas geschafft, was nur wenigen Menschen vergönnt ist. Sie ist frei.....