Logbuch

Reiseberichte und Anekdoten des Weltumseglers Ulli Barth

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Es ist nicht immer alles wahr, was stimmt.... (14:07, 20.02.2012)

Man versuchte wirklich mit allen Mitteln diesen Bericht zu verhindern....

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Tötet den Hafenmeister! (14:53, 22.02.2012)

Hier ein paar Gedanken, die einem als Skipper so durch den Kopf gehen,...

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Schiff'le versenken (19:29, 19.06.2011)

Im März 2011 wurde ein Schwerwettertraining auf der Nordsee (Cuxhaven - Helgoland) durchgef&uum...

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Hurtig oder sakte Fart - Im Land der Steinreichen (18:42, 28.04.2011)

Für alle, die schon immer mal in den Norden wollten - hier geht es wenigstens als Lektüre....

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Ebenfalls leidender Kollege (16:18, 22.12.2011)

Also nicht nur ich....

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Die kleine Weltreise

Am 26.05.07 übernahm ich in Warnemünde eine Bavaria. Zwei Jahre alt, ziemlich spartanisch (was die Ausstattung anbelangte), aber für die nächsten 6 Wochen mein Zuhause. Nachdem der Vorskipper noch an Bord war, konnte ich mich über die ganzen Eigenarten – die jedem Schiff innewohnen – erkundigen. Alles klar und Seetauglich, so seine Aussage. Habe gerade voll getankt, also Sprit und Wasser sind drin. Nun bin ich ja ein misstrauischer Mensch und beim Blick auf die Tankuhr sagte mir der normale Menschenverstand, das entweder der Tank nur viertel voll ist oder die Uhr kaputt. „Nee, die hängt, ist voll“, so der Skipper. Meinen Vorschlag fand er dann doch etwas dreist. Ich schlug vor, nochmals zur Tanke zu fahren. Alles bis 20 Euro geht auf mich, alles darüber zu seinen Lasten. Schweren Herzens willigte er ein und wir tuckerten an den Zapfhahn. Dieser schaltete nach 160.- Euro ab, wie viele Liter es waren weiß ich nicht mehr. War aber wohl ziemlich viel Luft im Tank hängen geblieben.... Vorsorglich ging es dann mit dem Wasser weiter, 5 Minuten Wasser für einen Euro. Nach dem dritten (Skipper) Eurostück war der Tank voll.
 
Bei der Fahrt zum Zapfhahn hatte ich ein etwas ungewohntes Geräusch im Maschinenbereich geortet. MOLA, die Charterbasis übergab mir dann offiziell das Schiff mit dem eigenartigen Namen „EL SHALOM“, was wohl soviel wie „Friede sei mit Dir“ heißen soll. Ich fragte wegen dem Geräusch nach. Eine kurze Probefahrt und man meinte, da wäre nichts, ich habe wohl schlecht geschlafen. Auch gut. Ich fragte dann noch, was der Tiefenmesser denn anzeige, Gesamtwassertiefe oder Wasser unter dem Kiel. Dreimal (!) wurde gesagt, es sei Wasser unter dem Kiel. Später ließ ich, am Liegeplatz, einen Schraubenschlüssel an der Leine zu Wasser, es war die Gesamtwassertiefe, also 2,3 Meter weniger. Danke.
 
Am Spätnachmittag kam dann die Crew und wir beschlossen, in den alten Hafen zu fahren, da das Ambiente der „Hohen Düne“ ein absolut neuer Hafen, dann doch nicht so richtig Stimmung aufkommen ließ. Als wir los wollten, kam aber eine andere Crew zurück. Sie versuchten eine Stunde in die (nicht gerade enge) Box zu kommen und lagen dann irgendwie im Hafen völlig verquer fest. Wir schauten nur zu, konnten nicht wirklich helfen, selbst die Molacrew gab dann auf. Also nix mit alter Hafen. Nach drei Stunden (!) war die andere Crew dann fest. Und das bei null Wind, keinerlei Welle oder Ruderschaden. Nette Einlage.
 
Am Morgen (26.05) dann Aufbruch zu neuen Ufern. Bornholm war unser erstes Ziel. Nach anfänglichem, leichten Wind ging es nur noch unter Maschine voran. Nebel kam dazu, eigentlich hatte ich Sonne gebucht. Dazu kam, das wir plötzlich kein Ruder mehr hatten. Man konnte kurbeln wohin man wollte, es passierte nichts. 10 Minuten später lag ich im  Achterteil und baute den Konus zusammen der die Lenkbewegung in die andere Achse zum Ruderblatt umsetzt. Am nächsten Morgen dann um 0515 hieß es in Ronne auf Bornholm Leinen fest.
 
Nachdem Ronne jetzt nicht gerade der absolute Knaller war, entschlossen wir uns am Nachmittag nach Nekso weiter zu fahren. Kaum aus dem Hafen kam schon wieder Nebel wie aus dem Nichts. Und da war er, der erste Funkspruch auf Kanal 16: eine liebliche Frauenstimme flötete: „Securite, this is Starfish, my Position....“ So alle 3 bis 4 Minuten das Gleiche. Irgendwann, so nach dem zehnten Funkspruch fragte ich mal bei Starfish an, wo denn das Problem sei. Wegen dem Nebel, kam als Antwort. Mädel, wir haben alle Nebel, schalt das Radar ein und gut ist’s. Nöö, Starfish machte munter weiter. Weitere 5 bis 10 Funksprüche brüllten mindestens 10 genervte Funker, sie möge endlich den Mund

halten oder absaufen. Aber: Starfish wollte nach Nekso und tat dies auch reichlich kund. Ich verkroch mich alle halbe Stunde, um den Ruderkonus wieder zusammen zu schrauben. Er arbeitete sich immer wieder auf. Gegen 22.30 Uhr kamen wir in Nekso an. Die erste Frage eines Mannes an der Pier (der beim Festmachen half): „Kennt Ihr ein Schiff Starfish?“ Nöö, nur gehört. „Schade, der Mutti hau ich so aufs Maul, da hinten warten noch Andere auf sie...“ Starfish kam nicht, der Meuchelmord blieb aus. Vielleicht hat auch Starfish Lunte gerochen.
 
Am 29.05 sollte es dann Richtung Riga weiter gehen, genug des Nebels, der gar nicht mehr aufhören wollte. Mit Windstärke 4 ging es auch gleich los. Der Wind drehte allmählich auf Ost, passte also. Aber: es hatten sich eigenartige Wellen aufgebaut, die aus Osten kamen. Alle Mann an die Reeling... Um 14.30 Uhr waren wir nicht wirklich weit gekommen, dafür löste sich die Hauptnaht der Fock in Wohlgefallen auf. Natürlich war kein Nähgarn an Bord. Also zurück nach Tejn (Bornholm). Dort kamen wir um 16.40 Uhr  an. Übrigens, ein netter Hafen auf 55° 15’N 014° 50’E. Sofort kam auch ein Segelmacher, den der Hafenmeister rief. Genug Zeit für brachiale Gewalt am Ruderkonus – half aber nicht viel.
 
Am nächsten Morgen kam um 08.30 Uhr unser geflicktes Segel und um 10 Uhr ging es dann wieder los. Inzwischen hatten wir aber Westwind, also Planänderung und ab Richtung Norden. Um 22.20 Uhr erreichten wir Gronhagen auf Öland. Der Hafenmeister ist ein Hamburger Aussteiger. Netter Kerl, aber im Ort nix los. Deswegen fuhren wir auch am  31.05. schon um 6 Uhr weiter und kamen in Kalmar um 10 Uhr an. Netter Hafen, nette Stadt. Nach einer kurzen Stadtbesichtigung und einem guten Essen ging es dann trotzdem um 13 Uhr wieder weiter, die Zeit lief uns etwas davon. Inzwischen hatten wir Nordwind, also alles unter Maschine. Um 19 Uhr erreichten wir Byxelkrok, in Norden Ölands. Nachdem dort auch gerade der letzte Hund begraben worden war aßen wir nur schnell etwas (und Ruder nicht vergessen) und fuhren um 20 Uhr weiter.
 
Um 03.50 machten wir dann in Visby fest. Eine nicht ganz unentspannte Ansteuerung, da noch immer Nebel war und die Schnellfähren echt schnell sind. Am Radargerät konnte man gar nicht so schnell hin und her schalten , um den Überblick zu behalten. Aber, sie nahmen Rücksicht, das muss ich schon sagen. Gegen 10 Uhr kam dann ein Bekannter vorbei und zeigte uns die Stadt. Der große Yachthafen war mit uns und vier weiteren  Schiffen nicht gerade gut besucht. Mein Bekannter meinte nur, das hier bald die Post abgeht, das hier sei der Ballermann des Nordens. Angesichts der Idylle kaum vorstellbar. Ein Mechaniker warf einen kurzen Blick auf die Ruderanlage und schüttelte nur den Kopf. Neue Schrauben rein, Kontern, Kleben und noch mehr, müsste halten. Um 15 Uhr fuhren wir dann um Gotland gen Norden herum. Endlich Sonne, Ostwind, also Segel zum trocknen hoch. Der Farosund ist eine besondere Herausforderung, nettes Fahrwasser. Mit einem Kartenplotter wäre es einfacher, aber ich hatte meine GPS-Maus  zu Hause liegen gelassen. Also Seekarte, Bleistift etc. kamen zum Einsatz. In der Farosundmarina wurde um 22.50 Uhr festgemacht. Die Ruderanlage hing schon wieder auf halb acht...
 
02.06. Um 8 Uhr ging es weiter, Sonne pur, NE-Wind, Kurs 100°, alles wird gut. Gegen Nachmittag dann wurde es mit 5 Bft richtig nett, die Ruderanlage brauchte mich alle 20 Minuten. Um 23.50 Uhr kamen wir in Ventspils an. Jetzt noch etwas zu Essen und dann ab in die Koje – soweit die Wunschvorstellung. Allerdings kam gleich ein Mann mit Taschenlampe, schickte uns viel weiter hinter in den Hafen und wollte als erstes die Pässe sehen. Aus seiner ganzen Art ging hervor, das er uns nicht gerade wohlgesonnen war. Wir beschlossen dann, wieder abzulegen und nach freundlicheren Zeitgenossen zu suchen.

Zumal es im ganzen Hafen (eher ein Industriehafen) entsetzlich nach Chemie stank, also nichts für verwöhnte Seglernasen.  Nachdem es auch nicht wirklich dunkel wurde, fiel der Abschied nicht schwer, Riga ist sicher besser auf uns zu sprechen. Wir kreuzen dann (03.06.) einige Stunden gegen den NE und am Tagesende standen wir auch kurz vor Riga. Etwas Smalltalk mit Riga-Traffic, man war richtig begeistert, das sich mal ein Segelschiff anmeldet. Man sagte uns auch, das ein Bagger irgendwo im Fahrwasser zu Gange sei. Klasse. Ich möchte einmal, nur einmal im Leben, die Daugava, den Fluss der Stadt, bei Tageslicht hochfahren. Nachts ist  hier alles gut beleuchtet und mit zig beleuchteten Tonnen versehen. Egal wie gut man mitnavigiert, vor lauter Licht und Tonnen sieht man gar nichts. Die meisten Steuerbordbojen haben zudem ein eher blaues Licht, sind also kaum zu erkennen. Was nützen mir die 2 sm Tragweite der Bojen, wen die Scheinwerfer der Hafenanlage 1000 sm weit tragen? Beinah hätten wir dann doch noch den Bagger gerammt, als sich mal wieder die Ruderanlage verabschiedete. Meistens fuhren wir nur noch unter Notpinne, ging auch  ganz gut. Um 2 Uhr waren wir dann im Hafen Andrejosta fest, also mitten in der Stadt.
 
Riga ist echt sehenswert und ein Traum schlechthin. Die Stadt zu beschreiben fällt schwer. Es ist aber mit eine der schönsten Städte, die ich so kenne. Zumal die Straßenbahn direkt vor dem Hafen hält, kommt man auch sehr gut überall hin. Ich empfehle besonders das LIDO, wenn man mal preiswert richtig gut Essen gehen will. Auch die Crew habe ich überzeugt (wie immer).
 
Am 05.06. ging es dann weiter nach Tallin. So der Plan. Allerdings kam der Wind aus Norden, also Motorschiffchen spielen. Um die Insel Muhu hatte man mal kurzerhand die ganze Betonnung geändert, aber so leicht bringt man klein Ulli nicht aus der Fassung. Ich rief auch immer wieder mal die Coastguard bzw. Borderguard von Estonia, um mich anzumelden. Jedoch schwieg das Funkgerät beharrlich. Am nächsten Tag um 17 Uhr kam dann ein Schnellboot und fragte, wer wir sind, was wir hier machen und wohin es gehen soll. Für leichte Verwirrung sorgte der Schiffsname. Mit El Shalom meinten sie, wir kämen doch aus Israel, warum wir eine deutsche Flagge hätten? Tallin Traffic war auch begeistert, das man sich meldet und wünschte uns einen schönen Törn. Pirita, der ehemalige Olympiahafen vor Tallin, hat viel von seinem (vielleicht einmal vorhandenem) Charme eingebüst, dafür ist Tallin um so netter. Aber, einmal langt. Außer man geht abseits der Touristenrouten und entdeckt das wirklich nette Tallin.

Am 08.06. fuhren wir dann nach Helsinki weiter. Das dauert ca. 7 Stunden. Es geht über die Hauptstrecke Russland - Europa, wie zur Hauptverkehrszeit bei uns auf der Autobahn, begleitet von Schnellfähren (ca. 45 kn) und dann die Einfahrt nach Helsinki. Ein Traum. Klasse betonnt, aber was bedeuten die Tonnen? Wo ist welches Fahrwasser? Augen zu und durch, irgendwie kamen wir dann auch da an, wo wir hinwollten. Helsinki ist eine eigenartige Stadt. Sehr teuer, irgendwie wie aus dem Boden gestampft, echt komisch. Wenigstens hielt das Ruder. Dann verabschiedete sich meine Crew, neue sollten folgen.
 
Ich reparierte den Boileranschluß, der inzwischen den Wassertankinhalt als lose Gabe ins Schiffsinnere freigab, beseitigte einen Wackler in den Posilampen, steckte alle Lampen zurück in ihre Fassungen (wie kann man nur so fassungslos sein?) reinigte die Lenzöffnung der Plicht, die schon seit Jahren verstopft sein musste und suchte nach dem Wackelkontakt der Bordsteckdose. Einige Kleinigkeiten wurden auch noch repariert – und natürlich die Ruderanlage wieder zusammen geschraubt.
 
Am nächsten Tag saß ich, nach getaner Arbeit, an Bord, also plötzlich Anita vor mir stand. Wie aus dem Steg gewachsen – ein Bild von einer Frau, so um die 65 bis 70 Lenze, ca. 100 Kilo Kampfgewicht und fragte in etwas rauem Ton: „Wo ist mein Bierkasten?“ Hä? Ich verstand nicht so recht... „Bitte, welcher Bierkasten?“ Sie, bereits etwas ärgerlich: „Ich habe beim Chef einen Bierkasten bestellt“. Aha, alles klar. „Ich fahre ein Segelschiff, keinen Getränketransporter“ entgegnete ich. „Ich habe ausdrücklich einen Bierkasten bestellt. Wie soll ich sonst auf das Schiff kommen?“ Am Besten gar nicht – wäre die richtige Antwort gewesen. Mein Chef hatte mir natürlich nichts von einem Saufgelage etc. gesagt, deswegen musste ich den Bierkasten schuldig bleiben. Mit viel Erfindergeist baute ich für Anita eine Leiter und sie erklomm das Schiff. Ich reichte ihr dann noch das kleine Handgepäck nach, welches dazu angetan war, den Rest des Schiffes zu füllen.
 
Etwa eine halbe Stunde später war ich zum Mord bereit, doch es kamen zwei weitere Herren, gehobeneren Alters, die ebenfalls an Bord stürmten (übrigens ganz nette Kerle, echt!). Anita wurde zur Furie: „Sofort die Schuhe ausziehen, das geht ja wohl gar nicht. Ihr tragt ja lauter Bakterien rein, da kann man nie mehr kochen...“. Ich beschwichtigte das Tier und erklärte ihr, das wir auf dem Herd kochen, nicht auf dem Boden. Zehn Minuten später zogen mich die zwei Männer zur Seite und sagten, das sie wieder abreisen würden. Lieber auf den Urlaub verzichten, als durch die Hölle gehen. Nee, so nicht. Da mussten sie jetzt durch. Sie konnten mich doch nicht mit diesem Urvieh hier sitzen lassen. Wir drei Männer gingen dann erst mal Essen, Anita wurde nicht mehr ernstlich gefragt und meinte nur, das sie sich auch erst einrichten müsse.
Wir zogen den Abend ganz schön in die Länge, aber es half nichts, irgendwann mussten wir wieder an Bord. Anita hatte sich inzwischen eingerichtet (Tischdecke und so weiter) und ihre Schönheitsmaske aufgelegt (warum sie diese dann später wieder abwischte werde ich nie verstehen)... Noch ein letztes Bierchen und über Seekarten gebeugt machte ich Vorschläge, was denn wie machbar sei. Mit Tallin war unser Borddrachen dann noch einverstanden, aber sie wollte unbedingt nach Paernu, das soll ganz ganz toll sein. Danach erst nach Riga. OK, alle waren, ohne großartig Wiederstand zu leisten, damit einverstanden.
 
Am nächsten Tag (10.06.) ging es also nach Tallin zurück. Ich mutierte zum Stadtführer
(Tallin, die Zweite).
 
Am 12.06. dann Aufbruch Richtung Paernu, was immer das auch sein mag. Unterwegs erzählte Anita, das sie schon zig Jahre segle, gemerkt habe ich allerdings davon nie etwas. Sie war auch immer sehr neugierig. Sobald ich ans läutende Telefon ging, stand sie wie ein Hund neben mir. Sobald ich mir etwas zu trinken oder essen holte, Anita war dabei. Jeder Strich in der Seekarte wurde kritisch geprüft und die anderen Mitleidensgenossen erging es auch nicht wirklich besser. Nachdem wir alles unter Motor fahren mussten, beschlossen wir in Virtsu, einem kleinen Fährhafen, einen Zwischenstopp einzulegen und machten dort um 23 Uhr fest. Wohlgemerkt, es war taghell.
 
Um 10 Uhr ging es dann weiter, meist unter Segel. Um 21 Uhr kamen wir dann endlich in Paernu an. Dort kam dann auch gleich der Zoll an Bord. Er wollte unbedingt die Zulassung sehen, also quasi eine Art Fahrzeugschein beim Auto. Nur so etwas gibt es ja nicht und alle Papiere, die ich ihm so zeigte, entsprachen nicht wirklich seinen Vorstellungen. Dafür fand ich die Garantiekarte des Wasserboilers. Da war ein netter Stempel drauf, eine Nummer und es sah sogar irgendwie amtlich aus. Befriedigt trug man die Nummer des Boilers ein und verschwand.
 
Am nächsten Tag durchstreiften wir Paernu, konnten aber nicht wirklich feststellen, was hier so sehenswert sein sollte. Anita blieb an Bord, es sei ihr alles zu anstrengend. Um 12  Uhr hatten wir dann die Faxen dick und legten wieder ab, Riga ist ja auch nett. Unterwegs  erzählte dann meine Lieblingsmitfahrerin, das sie ja wieder mit zurück fährt, sie habe ja

zwei Wochen gebucht. Hätte ich eine Hurrikanwarnung bekommen, der Effekt wäre der gleiche gewesen. Es folgte dann ein längeres Gespräch, Anita gelobte Besserung. Die beiden Herren waren froh, das sie bald gehen konnten, warum nur musste ich noch eine Woche mit Anita... Mordgedanken wurden durch den (bekannten) Ruf „Ruderausfall“ unterbrochen. Wir trieben direkt in Fischernetze, welche Spaßvögel gleich neben das Hauptfahrwasser gelegt hatten. Natürlich war auch der Anker nicht seiner Bestimmung zuzuführen, also ab in die Netze. Nur da entschloss sich der Anker dann doch, zwei Meter aus der Klüse zu rauschen. Das Netz hielt gut. Also Ruder zusammen bauen und dann eine viertel Stunde den Anker aus dem Netz schneiden. Der Fischer wird sich wundern...
 
 
Natürlich kamen wir in Riga wieder zur Festbeleuchtungszeit an. Um 3 Uhr nachts endlich Leinen fest – und Feierabend. Zwei Tage Riga entschädigten halbwegs.
 
Dann kam am 17.06. die neue Crew. Bereits nach 10 Minuten war klar, das Anita das Sagen an Bord hatte, ich nur geduldet war und weitere Gäste gar nichts zu melden hätten. Anita entschied, das man nach Kuressaare müsse, dort sei es toll.
 
Am 18.06. um 10 Uhr ging es los. Nach einem kleinen, unbedeutenden Ruderausfall erreichten wir am nächsten Tag um 7 Uhr morgens Kuressaare. Wer die Einfahrt nicht kennt – echt sehenswert. Mehr als 2 Meter Tiefgang sollte man aber nicht haben, und breiter als 5 Meter sollte der Kahn auch nicht wirklich sein. Meine Crew beschloss einen Hafentag, obwohl man hier auch anscheinend den letzten Hund schon vor Jahren begraben hatte. Die Gehsteige waren nie mehr herunter geklappt worden, trotzdem ein netter, verträumter Ort. Anita sah davon aber nichts, sie blieb an Bord.
 
Am 19.06. legten wir um 9 Uhr ab, um 22 Uhr kamen wir wieder nach Virtsu. Anita beschwerte sich, warum wir denn nach Kuressaare gefahren wären, dort sei doch nichts los gewesen. Den weiteren Dialog möchte ich meinen Lesern ersparen, er wäre der Sache nicht wirklich dienlich. Die neue Crew beschloss nur – soviel sei verraten – das ab sofort Segeln und Urlaub das Thema sei.
 
Am 20.06. ging es dann auch um 9 Uhr los, wir durchstreiften die Gefilde um Muhu, lagen 2 Stunden vor Anker um nett zu Essen und kamen um 20 Uhr in Dirhami an. Ein neuer Hafen (59° 12’N 023° 30’E) wo man sich alle Mühe gab, uns willkommen zu heißen. Anscheinend kommt hier sonst selten bis nie einer vorbei. Ist zwar auch im Nirgendwo, hatte aber einen schönen Strand zum spazieren gehen. Ich konnte sogar das Wasser wieder auffüllen, welches der Boileranschluss noch immer bereitwillig von sich gab.
 
21.06. Unter Motor ging es, dank Windpause, nach Tallin zurück (Tallin, die Dritte), wir tankten 204 Liter in den 210 Liter fassenden Dieseltank.
 
Am Freitag 22.06. kamen wir in Helsinki an und Anita meinte, es wäre doch ein schöner Ausflug gewesen. Am drauf folgenden Tag verschwand sie mit all ihren Koffern in den Straßen von Helsinki und ich hoffe, das ich sie nie wieder auch nur in der Nähe eines Schiffes erblicke.
 
24.06. Neue Mannschaft, neues Glück. Mit der neuen Crew ging es erst mal – genau – nach Tallin. Langsam gewöhnt man sich an alles. Ich wusste sogar schon die Busabfahrtszeiten auswendig, die Crew war begeistert.
 

Montag, 25.06. Auf geht’s in die Finnischen Schären, nach zwei Ruderausfällen riss plötzlich (um 15 Uhr, bei Windstärke 5) die Rollrefftrommel aus der Verankerung. Unglücklicherweise in einem Seegebiet, wo Felsen (etwa 20 Meter entfernt) nicht gerade viel Manöverspielraum ermöglichen. Nach zwei Stunden war dann die Trommel mit Bändseln halbwegs beruhigt, die Fock endlich unten und um 18 Uhr in Dragesviken die Leinen fest. Dort wurde dann soweit alles notdürftig repariert.
 
Am nächsten Morgen dann noch einmal Verbesserungsvorschläge durchprobiert, das Wasser (eigentlich unser Wasservorrat) außenbords gelenzt und weiter ging es. Eine herrliche Landschaft, aber ohne Kartenplotter echte Schwerarbeit. Einmal den Überblick verlieren und das war’s dann. Nach einem Ruderausfall (natürlich in engem Fahrwasser mit Kurve) hatte dann meine Crew doch irgendwie das rechte Vertrauen in unser Schmuckstück verloren. Verstand ich gar nicht, sie meisterten doch mit der Notpinne die Sache recht ordentlich. Auch das wir noch gute zwei Meter zu den Felsen hatten, war doch vertretbar. Wir kamen dann um 17.30 Uhr in Tammisaari an und aßen erst mal Elchgulasch.
 
27.06. Nach einer Kontrolle des Ruderquadranten (durch drei Personen!) ging es um 11 Uhr los. Um 12.20 Uhr dann wieder Einsatz der Notruderpinne, diesmal waren es nur noch in Meter bis zu den Felsen. Beim anschließenden Brachialwendemanöver meinte dann ein Finne, wir wollten sein Boot, mittels Rammangriff, versenken. Wir gaben aber das Unterfangen etwa zwei Meter vor ihm auf. Meine Crew beschloss nach Tammisaari zurück zu kehren und erst mal „Klar Schiff“ zu machen – oder die Heimreise anzubrechen. Im Hafen dann angekommen, erneuter Ruderausfall, unser Anlegemanöver dauerte etwas länger. Einige Skipper, anderer Schiffe, sahen sich wohl schon am Hafengrund, auch unsere Leinenmanöver (unter Zuhilfenahme der halben Bevölkerung) wirkten nicht wirklich vertrauenserweckend. Nach einer Stunde beruhigte sich dann die Lage langsam, einige Flaschen Wein (in Finnland sehr teuer) wechselten den Besitzer und es gab Elchgulasch.
 
Am 28.06. wurde die Trommel der Rollreff ausgetauscht (besorgt mit Zug in Helsinki), etwa 180 Liter Wasser außenbords gepumpt, in die Ruderanlage neue Bolzen (von einem Mechaniker) eingepasst und eine ganze Tube Loctide verbraten. Er meinte, die hält bis zum jüngsten Tag.
 
Am 29.06. ging es dann weiter nach Rosala (59° 51’N 022° 25’E). Sehr empfehlenswert ist die Hafensauna (die es aber kostenlos in jedem Hafen in Finnland gibt). Ohne Sauna gibt es kein Finnland, sogar viele Schiffe habe eine eingebaute Sauna (kein Witz!).
 
Sonntag, 30.06. Von Rosala ging es nach Sandvik. Und am 01.07. kamen wir in Mariehamn an. Ebenfalls eine tolle Sauna, mit Hafenblick. Dann noch die Pommern besichtigt (das Partnerschiff der Passat in Travemünde, baugleich mit der gesunkenen Pamir). Ich beschloss die Ruderanlage mit Sprengstoff zu entsorgen, sie lockerte sich schon wieder. Wieder den Wassertank komplett auffüllen, während die Lenzpumpe das
ihrige tut.
 
Am Montag ging es weiter nach Gräddö und am Dienstag wollten wir nach Sandhamm. Doch dort tobte gerade der Wahnsinn. Irgend eine Regatta war wohl zu Ende und Hunderte halbverrückte schossen mit ihren Schiffen kreuz und quer. Teilweise auchrückwärts, nach vorne schauend, einen freien Platz suchend. Nichts wie weg. Zwei Stunden später machten wir (um 0 Uhr) an einem kleinen Privatsteg fest. Der Besitzer kam sofort und fragte, ob er die Sauna anschüren solle. Er bereitete uns ein königliches Mahl, die Sauna entspannte wirklich (Holzfeuerung) und lecker Bier gab es auch noch.

Gegen 3 Uhr gingen wir dann endlich in die Koje. Um 11 Uhr fuhren wir dann, nach frischen Brötchen usw., wieder ab, der Mann bedankte sich für unseren Besuch, lehnte aber jegliche Entlohnung seiner Bemühungen vehement ab. Wir kamen nach Grinda (59° 24’N 018° 33’E), wohl einer der beeindruckensten Häfen. Hier kann man auch, über Felsen krabbelnd, das Schiff von oben betrachten.
 
Am Do. 05.07. kamen wir dann in Stockholm an. In einer Millionenstadt zu navigieren, die Superlativen hier wechseln sich ab. Eigentlich sollten wir in den Wasahafen, wohl der bekannteste in Nordeuropa. So sah es dann dort auch aus. Da passte kein Strohhalm mehr rein. Geschrei und Getobe auf allen Stegen, wir fuhren dann noch aus versehen hinein. Es ist eine Sackgasse und am Ende ist bekanntlich Schluss. Bis wir da wieder heraus kamen – ein Drama. Aber klein Ulli meisterte es mit Bravour (zu seinem eigenen Erstaunen) und wir fuhren zurück. 200 Meter zuvor hatte ich einen kleinen Hafen gesehen. Also nix wie dort hin. Er war leer, ruhig und richtig nett. Zu Fuß gelangt man in 8 Minute zum Wasahafen und Tivolipark. Letzteres ist nur was für Leute, die zu viel Geld und Zeit haben, das Wasamuseum dagegen ein absolutes Muss! Ich war dann letztendlich dreimal drinnen (kostet allerdings 8 Euro), würde aber sofort wieder hinein gehen. Am besten man sieht mal im Internet nach, dort sieht man, warum.
 
Sonntag 08.06. Mit der neuen Crew ging es zurück nach Grinda (mit den Felswänden) und Gräddö. Auch noch einmal nach Mariehamn und am 11.06. nach Deggerby. Am Freitag den 13 (!) liefen wir dann wieder in Visby ein. Was für ein Wahnsinn. Hatte man mich doch gewarnt, aber klein Ulli kann ja nicht hören. Der Ballermann ist ein Kindergarten dagegen. Wir fanden noch einen Platz (natürlich ganz weit hinten, der Letzte sozusagen) und machten erst mal etwas zu Essen. Bumbum-Musik von allen Schiffen (schätze die Zahl der Normalen auf unter 1 Prozent), Alkohol in rauen Mengen, Tussis auf allen Decks und Grills vor jedem Schiff. Einer meiner Crew wollte Duschen gehen. Ich sagte, wenn das Essen fertig ist, hupe ich mal kurz. Er ging und irgendwann war das Essen dann auch fertig. Ich also, nichtsahnend, drückte mal kurz auf den Hupenknopf. Das nahm aber ein Anderer zum Anlass, seine Schallsignalanlage ebenfalls zu testen. Ein weiterer folgte und innerhalb einer Minute hupte wohl jedes Schiff im Hafen. Die Bevölkerung außen herum muss wohl gedacht haben, die Welt geht unter. Sogar eine Fähre spielte mit ihrer Pressluftanlage mit. Zehn Minuten später kam dann mein Duscher. Ich fragte, warum er nicht gekommen sei als ich hupte. Er schaute mich diesen Abend nicht mehr an.
 
Am 14.06. machten wir abends wieder in Byxelkrok fest. Auch ein nettes Abenteuer. Als wir dort ankamen, hatte der Wind gerade von 4 auf 5 zugelegt. Es war schon 23 Uhr und der Hafenmeister kam uns entgegen. Alles voll, rief er herüber, nur noch am Fischkutter längseits möglich. OK, machen wir. Wir liefen um die Ecke, der Wind schnellte auf 6 bis 7 hoch. Meine Crew fragte, was sie machen soll. Keine Ahnung. Mit brachialen Vorwärts und Rückwärts kamen wir langsam dem Kutter näher. Durch die Motorgeräusche aufgeschreckt kamen überall Männer in Unterhosen hervor und dachten wohl, eine ganze Armada laufe ein. Keiner wusste so recht, was er wann und wo festmachen solle, es wurde kein einziges Wort gerufen. Trotzdem waren wir nach 5 Minuten fest (keiner wusste wie das passiert war) und ich durchgeschwitzt. Der Hafenmeister sagte nur, das bei dem Wind und der Schiffsgröße, das beste und ruhigste Anlegemanöver war, was er die letzte Zeit gesehen hatte. Dann möchte ich nie ein Schlechtes sehen...
 
Über Kalmar und Grönhögen ging es dann wieder Richtung Tejn, da sich die Fock wieder auflöste. Diesmal aber von unten her. Und der Segelmacher war ja echt nett. In Kalmar tauschten wir noch die Bilgenpumpe, die inzwischen (wegen Dauerbetriebes) das zeitliche gesegnet hatte.

 
Am Donnerstag, den 19.06. liefen wir dann, gegen Mittag, in Warnemünde ein. Als ich am Freitag das Schiff abgab, erklärte man mir, das die Sache mit dem Ruder normal sei (Aha!) und man hätte mich doch darauf hingewiesen. Oh Gott, ich bin Taub, höre wohl einiges nicht mehr. Auch das mit dem Wasser sei doch nicht so dramatisch. Dafür habe ich aber ja wohl den Prop kaputt gemacht – stellte der Taucher fest. Moment, ich hatte doch am Anfang bereits ein komisches Geräusch diagnostiziert. Langer Rede, kurzer Sinn, nach 14 Tagen hatte man sich mit meinem Chef geeinigt, das er nur den halben Prop zahlen müsse. Als normaler Charterer hätte man ihn ganz zahlen dürfen – auch wenn er schon vorher kaputt war. Später, sehr viel später, erfuhr ich dann (über einige Umwege), das der Vorskipper auch einen Prop bezahlen durfte. Die nach mir
wahrscheinlich auch...
 
Das schönste dieser Reise aber ist und bleibt – das ich Anita nie wieder sehen werde (hoffe ich wenigstens).