Atlantikbericht
In Mails werde ich immer wieder gefragt, wie den das Leben so als Skipper ist. All die Monate bezahlten Urlaub, wo man segeln kann. Eigentlich ist es ganz schön...
Die Werftzeit war ein Traum. Andrè kam aus Berlin, damit er mir hilft. Er ist der eigentliche Hauptskipper der NAUTILUS und kennt sich auf ihr auch besonders gut aus. Soweit die Theorie. Die Praxis gestaltete sich etwas anders. Er hatte nur Feiern und Mädels im Kopf, kam jede Nacht (oder erst am Morgen) sturzbetrunken auf die Nautilus, hatte meist ein Mädel im Schlepptau und stand nie vor 10 Uhr auf. Dann erst mal Frühstück bis um 12, anschließend Mittagspause und danach ist eh Feierabend. Danach also wieder zum Feiern. Kurzum – ich habe es eben doch alleine gemacht und zusätzlich den Mist wieder ausgelöffelt, den mir Andrè einbrockte. Aber ich will mich ja auch nicht beklagen. Und Hering, mein Chef kennt sich aus. Am Telefon meinte er nur, das Andrè ja so ein fleißiger Arbeiter ist, der mich schon zur Arbeit treibt.
Am Samstag 17.11. kam dann meine neue Crew. Voller Tatendrang und bester Laune enterten sie die Nautilus, wären am liebsten sofort los gefahren. Aber es gab noch viel vorher zu tun. Zum Beispiel das Thema Einkauf. Für 9 Leute und vier Wochen – da bedarf es dann schon einiger Planung. 7 Einkaufswagen verließen den Supermarkt, 2.800 Euro wechselten den Besitzer und dann musste der ganze Mist ja noch irgendwo verstaut werden. Gar nicht so einfach auf so einem Miniboot. Irgendwann war es dann doch geschafft und keiner wusste eigentlich so recht, wo was lag. Egal, wir hatten ja genügend Zeit zum Suchen. Irgendwie muß man ja auch die Leute beschäftigen.
Und dann war es endlich so weit, wir legten am Dienstag, den 20.11. in Mogan ab. Die anderen Schiffe hupten zum Abschied – und mir schwante schlimmstes. Draußen war es etwas windig und leichter Seegang, wie es nun einmal beim Segeln so ist. Wie lange würde meine Crew durchhalten? Eigentlich waren sie ja alle erfahrene Segler (es kommen ja immer nur erfahrene Segler, die schon alles erlebt hatten und durch nichts mehr erschüttert werden können), aber die Erfahrung lehrt einem das Schlimmste zu befürchten. Nach 2 Stunden tapferen Segelns war es dann soweit, die Hälfte lag flach.
Nein, ich rege mich nicht mehr auf. Mir ist es egal, wenn sie mir mein Schiffchen voll kotzen und ihre Sachen im Schiff verteilen. Ich rege mich nicht mehr auf, wenn es überall aussieht, als wie wenn die Vandalen gehaust hätten. Mir ist es egal, wenn das Bad unter Wasser steht und mich interessiert es auch nicht mehr, wenn sie bei meiner Musik Durchfall bekommen. Wir werden eh alle sterben, ist nur noch eine Frage der Zeit. Milchtüten, die durchs Schiff rutschend, ihren Inhalt bis ins letzte Eck entleeren, werden mit der gleichen Gelassenheit beobachtet wie derjenige, der sich zum drittenmal im WC eingeschlossen hat und nicht mehr raus kommt. Soll er doch den Rest der Reise dort weinend verbringen.
Ich habe meine Notverpflegung für 2 Wochen unter meiner Koje, alles Andere ist mir langsam egal. Ich werde mich dort einsperren und verbarrikadieren, komme erst wieder heraus, wenn wir in der Karibik sind.
Auch die völlig schwachsinnigen täglichen Anrufe meines Chefs nerven mich langsam nicht mehr, wenn er mir erzählt, das in Berlin das Wetter schlecht ist, der Benzinpreis gestiegen und auf dem Gehsteig letztes Jahr eine alte Frau hingefallen ist. Mit stoischer
Ruhe höre ich mir an, das sein Mülleimer überläuft, beim Bürokollegen ein Hemdenknopf fehlt und der Dollarkurs gestiegen ist. Was soll`s, so ist das Leben eben.
Bei manchen Atlantiküberquerungen sollen ja Leute über Bord springen wollen – warum meine denn nicht? Ich würde sie eher ermutigen als zurückhalten.
Und dann dieses Schiff. Als Skipper ist man eher Putzfrau, Mechaniker, Schreiner, Elektriker, Installateur, Pausenkasperle und vieles mehr. Nur mit Skippern hat dies alles langsam wenig zu tun. Der Kahn ist 20 Jahre alt, also eigentlich ein Fall fürs Museum und ständig rostet er hier und da (obwohl er aus GFK ist), und geht kaputt. Spielzeug, alles nur Spielzeug. Wenn man auf der Thor Heyerdahl mal die Teile gesehen hat, die Tonnen von Belastung aushalten und dann hier, die auch etwas aushalten sollen – alles nur Spielzeug, das ständig kaputt gehen muß. Aber ich will mich ja nicht beschweren, ich werde mein Schicksal mit Gleichmut ertragen und versuchen, den tieferen Sinn dieser göttliche Prüfung zu verstehen.
Allerdings, wenn dann plötzlich das Salzwasser (!) knöcheltief im Schiff steht, sieht die Sache dann nicht mehr so lustig aus. Einer hatte sich duschen wollen und einfach die Deckwaschanlage eingeschaltet. Nur das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich sagte immer wieder, sie sollen mich fragen und nichts selbständig machen oder irgend etwas einschalten.... Das hier ist ein Kindergarten. Das Schiff pumpte also lustig Hunderte von Liter in sich hinein, weil ja kein Schlauch angeschlossen war, der das Wasser dahin bringt, für das es gedacht war. Da muß man erst mal drauf kommen !
Es ist ein Traum, sag ich Euch. Aber – es macht trotz alledem Spaß und man lernt sehr viel bei dem ganzen Schwachsinn. Krisenmanagement und Katastrophenbeseitigung, Konfliktbewältigung und psychologische Gesprächsführung. Und eigentlich ist es docheine ganz nette Truppe, die ich da über den Teich schippere. Da hatte ich schon ganz andere Gruppen, wo es schon längst eskaliert wäre. Und was ist schon dabei, wenn sich mal wieder eine Sonnencremeflasche übers Deck ergießt. Schließlich gibt es schlimmeres, oder?
Mein Chef ist schlau. Immer wieder erhalte ich nette Mails (die zur allgemeinen Erheiterung beitragen), wo er mir die besten Ratschläge gibt. Leider weiß er aber nicht, warum ich welche Entscheidungen treffe oder warum ich es gerade so mache, wie ich es mache...
Günther, unser Österreicher, baute derweil einen Sonnenschuss nach dem Anderen, spülte mehrmals täglich brachial das Schiff mit Salzwasser und Hans versuchte ihm nachzueifern. Deswegen mussten wir – trotz schönsten Wetters und besten Segelbedingungen – alle Fenster geschlossen halten, der Kahn wäre dreimal täglich abgesoffen. Ein Traum....
Langweilig wird es jedenfalls nie auf dem Dampfer. Hier gebe ich (nur als Beispiel) mal die Ereignisse des 25.11. wieder. Wohlgemerkt: Es ist Sonntag Früh, ein Tag, wo man zu Hause gerne mal ausschläft und an nichts böses Denkt. Zur Erklärung noch vorweg: Hans ist ein Rentner mit 70 Jahren, einfaches Gemüt und seine Gedanken nicht mehr die schnellsten. Lothar ist Berufsmusiker, ein guter Segler und stoisch, durch nichts aus der Fassung zu bringen. Günther seinerseits Österreicher, einer von der ganz ganz langsamen Art. Soweit zur Vorgeschichte, das nun folgende ist nicht frei erfunden, es ist tatsächlich genauso passiert.
05.30 Uhr. Günther steht am Ruder, der Kahn läuft ihm ständig aus dem Gleichen, seit Stunden bringt er den Kahn nicht unter Kontrolle. Er fragt aber gleichzeitig, ob man heute Duschen könne und wie denn das Wetter in der Karibik wohl wird. Nach der dritten Patenthalse beschließe ich das Vorsegel zu verkleinern. Durch die harten Schläge haben sich zahlreiche Überläufer in der Rollreffanlage gebildet, ein Einholen ist nicht mehr möglich. Die Nautilus giert 35° nach Steuerbord und Backbord, also 70° insgesamt.
06.00 Uhr. Alle Mann an Deck, wir müssen das Vorsegel herunter lassen, damit die Überläufer durch zerlegen der Rollreffanlage beseitigt werden können. Bei 2 Meter Dünung und Windstärke 7 ist das ja alles ganz leicht. Ständiges Dauerduschen durch Brecher erheitert die Gemüter. Zwei weitere Patenthalsen später ist das Vorsegel unten, glücklicherweise alle unverletzt und keiner über Bord.
06.45 Uhr, die Überläufer sind beseitigt, das Vorsegel wieder klar.
06.50 Uhr. Lothar beschließt Frühstück zuzubereiten. Es soll Rührei geben, Hans will helfen und Kaffee machen.
07.05 Uhr, Das Rührei ergießt sich, dank des Seegangs über den Herd und Fußboden.
07.08 Uhr. Hans filtert löslichen Kaffee. Rüge von Lothar. Hans lässt alles los, die Kanne ergießt sich zum Ei auf den Boden. Kurz danach kippt das Glas mit löslichem Kaffee hinterher.
07.10 Uhr. Die Masse auf dem Boden klebt nicht nur sehr gut, sieht auch spitze aus. Hans versucht Filterkaffee in den Filter zu füllen.
07.11 Uhr. Filter und darin befindlicher Inhalt stürzen ebenfalls zu der Masse auf den Boden.
07.12 Uhr. Hering ruft an und erklärt mir, das es in Berlin kalt ist, er im Büro mit dem Internetzugang Schwierigkeiten hat. Zudem sind die Benzinpreise wieder gestiegen und einer seiner Kunden am Vortag einen Strafzettel bekam. Hans will den Tisch decken, läuft durchs Schiff und verteilt die klebrige Masse im Salon. Hering meint, das Wetter bei uns würde sich nicht weiter ändern, die nächsten Tage sei mit gutem Wind zu rechnen. Hans gerät für einen kleinen Moment in Verwirrung, als sich das Honigglas über den Tisch ergießt.
07.13 Uhr. Ich sage Hering, das ich momentan keine Zeit hätte, ich würde später zurück rufen (was ich aber nicht wirklich vorhabe). Hans versucht mit Küchenrollen dem Fluss des Honigs Einhalt zu gebieten, verwendet bereits die dritte Rolle und legt die dreckigen Tücher aufs Sitzpolster bis zur endgültigen Entsorgung. Das Glas rollt derweil lustig weiter hin und her, ist aber noch zu einem Drittel gefüllt. Günther kommt herunter und fragt noch mal wegen dem Duschen nach. Hering erklärt mir noch schnell, das auf einem anderen Schiff sich letzte Woche jemand den Fuß verstaucht hat. Lothar kämpft mit der Kaffeekanne, die zum zweiten mal ins Spülbecken kippt, dabei den Inhalt in dem noch sauberen Bereich ergießt. Günther fragt, ob er schnell mal eine Email schreiben kann. Hans erfreut sich an der vierten Küchenrolle, die durchs Schiff kullert und überlegt, wo er den Brotkorb hinstellen könnte, der im Honig stand. Er findet ein noch sauberes Polster auf der gegenüberliegenden Seite. Hering meint, er will nicht weiter stören. Günther schmeißt versehentlich die Maus zu Boden. Sie bleibt aber in dem Dreck gut kleben und rutscht nicht weiter.
07.14 Uhr. Der Brotkorb klebt, trotz Honig nicht so gut auf dem Polster und kippt herunter. Nun liegt auch das Brot unten. Lothar beschließt, das es heute keiner Eier mehr gibt. Protest von Günther, er habe sich so auf die Eier gefreut. Hering will nicht stören. Hans beschließt, das Honigglas (inzwischen leer) hinzustellen, damit es nicht weiter herum rollt. Günther will Eier, holt eine neue Palette (20 Stück) und schwankt damit Richtung Lothar. Hans geht los, und holt neue Küchentücher und stolpert dabei über den Obstkorb. 10 bis 12 Äpfel rollen nun ebenfalls durch den Salon. Hering erzählt nur noch ganz kurz, das sein Jaguar einen neuen Auspuff braucht, will aber nicht weiter stören. Günther steigt auf die Maus und will sie aufheben. Die Eierpalette jongliert er gleichzeitig elegant, bevor sie auf Lothar fällt. Der meinte nur: „Die Muppetshow ist ein Dreck dagegen“.
07.15 Uhr. Ich beende das Gespräch mit Hering, „da ich mal schnell ans Ruder kommen soll“. Ich verlasse den Raum, wo Günther nachschaut, wie viel Knoten wir eigentlich laufen, Lothar sich in der Kombüse nackt auszeiht und Hans auf den dritten Apfel steigt.....
Wie gesagt, dies ist nicht frei erfunden. Nicht mal ich habe soviel Phantasie. Nur Nerven für so was habe ich langsam keine mehr.
Um 09.00 Uhr gab es dann Frühstück. Ohne Ei und ohne Honig. Nur noch eine Tasse Kaffee kippt auf die Polster. Egal, ich lege mich später bei 28° Lufttemperatur in die Sonne und genieße das Schaukeln.
Wenn ein Schiff über Tage und Wochen ständig zwischen 40 und 70 Grad „geigt“ (hin und her schaukelt) bleiben natürlich blaue Flecken nicht aus. Irgendwann war man übersäht davon. Meistens wusste man aber nicht einmal von ihrer Existenz oder woher, wann und wie – es wird Alltag. Besonders das Schlafen kann zum Problem werden. Egal wie man liegt, es ist eigentlich immer verkehrt. Nur Rückenlage, Arme und .eine etwas abgespreizt geht. Bei allen anderen Stellungen kugelt man ständig durchs Bett (oder fällt ganz raus). Wenn ein Schiff „nur“ Schräglage hat, kann man sich auf eine Seite konzentrieren, aber wenn alle Seiten gefordert sind, weiß man nie so recht, wie es geht. Trotzdem dreht man sich nachts um und wundert sich, das man unbewusst ständig alles ausgleicht. Selbst wenn man nur rumsitzt, man ist ständig in Bewegung. Das erklärt auch, warum Neulinge auf einem Schiff nach zwei, drei Tagen überall Muskelkater haben, ob wohl sie nichts tun. Selbst an Stellen, wo sie bisher nicht mal wussten, das sie Muskel haben.
Am 1. Advent hatten wir 27°C Lufttemperatur und 26°C Wassertemperatur.. Am 03.12 verabschiedete sich der Wind, wir gingen am Nachmittag baden. Wasser wie gehabt, Luft aber 31°C. Schon nett, wenn man mit 5000 Meter Wassertiefe nur noch blauestes Wasser um sich hat. Leider bleibt die rechte Erfrischung aus und man ist gut beraten, mit Süßwasser nachzuspülen. Hier ist der Salzgehalt extrem hoch. Um die gleiche, vergleichbare Salzkonzentration zu bekommen, müsste man in einen Topf mit 5 Liter Wasser 600 Gramm Salz auflösen. Als Nudelkochwasser wäre das gänzlich unbrauchbar. Versuche hierzu endeten im „bähhh...“
Am 15 Tag auf See verließ uns der Wind endgültig. Wir dümpelten so durch die weiten des Atlantiks und gingen mal wieder baden. Inzwischen hatten wir 31°C unter Deck, über’s Deck laufen endete mit Brandblasen an den Füßen, trotzdem war die Stimmung nicht allzu schlecht. Am nächsten Tag kam der Wind wieder und die Fahrt ging weiter.
Erwähnenswert ist, das wir keinen einzigen Fisch fingen oder Wale / Delphine sahen. Nur fliegende Fische sah man zu Hunderten. Wahre Flugkünstler, wahrscheinlich Tiere mit einer gespaltenen Persönlichkeit, die lieber Vögel wären.
Auch ist es sehr eigenartig, das es aus heiterem Himmel immer wieder mal regnet, mal mehr mal weniger, aber immer ohne Wolken, die man wirklich zuordnen könnte. November und Dezember ist hier die Regenzeit. Soll heißen, es regnet. Es dauert immer nur wenige Minuten (manchmal auch nur Sekunden), wo Sturzbäche sich ergießen. Warmer Regen im Sonnenschein. Tolle Regenbogen gibt es gratis dazu. Am Radar sieht man diese Wasserfronten sehr gut heran rasen. Eine Wand kommt, alles lacht, und schon ist sie wieder weg. Man kann aber nur selten auch die dazugehörige Wolke erkennen. Vielleicht weiß der Regen hier nicht, das er aus Wolken kommen muss. Er fällt einfach so aus dem blauen Himmel herab.
06.12.07 Nikolaustag:
Wasser 27°C (wie immer), Luft 32°C. Die Sonne sticht, man hält es nur noch im Schatten aus. Übers Deck zu laufen, wird wieder mit Brandblasen an den Fußsohlen bestraft. Nachts schlafen wir alle mit offenen Fenstern, ohne Decke und in der kürzesten Hose, die man findet.. Man bedenke – zu Hause gibt’s Heizungsluft, Glühwein und Schneeordnung...
In den darauffolgenden Tagen hatten wir mehr Flaute als Wind. Wenn man nur noch auf einem Ententeich herumdümpelt, macht das Segeln auch keinen Spaß. Also geht man Baden, baden und nochmals baden. In der zweitgrößten Badewanne der Welt, die 5000 Meter tief ist, absolut Blau und mit 27°C sehr angenehm temperiert – was will man
mehr?
11.12.07
In der Nacht von gestern auf heute sahen wir zum ersten mal wieder Land. Es war die Nordspitze von Barbados. Schon etwas besonderes nach 21 Tagen auf See. In den darauf folgenden 2 Stunden sah man dann wieder Flugzeuge – willkommen in der Zivilisation.
Ein weiteres Highlight dieser Nacht war ein Komet, den wir 1 Stunde lang sahen. Er zog einen langen Schweif über das Firmament und wir beschlossen, es sei der Stern von Bethlehem (etwas auf Abwegen).
Dafür kam dann in der Nacht der Düseneffekt voll zum Tragen. Dazu wohl auch noch etwas stärkerer Wind. Innerhalb von zwei Stunden hatten wir Sturm (in Böen bis 9 Bft) und mussten mehrmals nachts raus. Bei sinnflutartigen Regengüssen mitten in der Nacht ein netter Spaß. Wenigstens war der Regen warm. Leider blieb durch die schlechte Sicht der Blick auf die Inselwelt der Karibik im Nirwana stecken und wir pflügten südlich um St. Lucia an die Westküste nach Soufriere, wo wir wenigstens einmal schnell vor Anker gehen wollten.
Um 1500 Uhr kamen wir im Süden an der Stadt Vieux Fort vorbei. Nachdem der Wind sehr eigenartige Spielchen trieb, beschlossen wir kurzerhand dort einzulaufen. Gesagt, getan. Dort gibt es aber eigentlich keinen Liegeplatz für Spielzeugschiffchen wie die Nautilus, aber – Glück muss man haben – es lang dort die „Pelican of London“. Ein Traditionsschiff, welches ich schon in San Sebastian auf Teneriffa sah. Dort hatte ich mich schon mit dem Kapitän unterhalten. Er meinte damals, das er auch in die Karibik fährt. Aber die sei ja so groß, das man sich sicher nie mehr sehen würde. Als ich ihn anfunkte, war er sichtlich überrascht. Kurz danach gingen wir neben ihn Längsseits. Er freute sich und wir hatten den optimalen Liegeplatz in seinem Windschatten.
Dann begann eine Geschichte der besonderen Art. Einklarieren. Uwe und ich gingen also zum Hafenbüro. Dort war man erst einmal etwas überrascht über das Ausklarierungspapier von Mogan. Logisch, hatte ich es doch selbst gemacht. Egal, es waren viele Stempel darauf und sogar eine Behördenmarke war angebracht. Es war zwar das Steuerzeichen einer Zigarettenschachtel, aber egal – sah amtlich aus. Nach einigen Papieren später mussten wir aber noch zum „International Airport“, wo es den Stempel in den Reisepass gab. Der Hafenmensch meinte, 10 Minuten Fußweg. Also, man war ja lang genug auf See, Bewegung tut gut, also gingen wir los. Die heimische Bevölkerung, „Blackys“ genannt, grüßt immer, lächelt immer und ist immer hilfsbereit. Nach einigen Suchens und Fragens nahm man uns (landesüblich) auf der Ladefläche eines Pick-Up mit. Dort bekamen wir dann endlich die Stempel. Zurück nahmen wir uns ein Taxi. Mit dem Fahrer unterhielten wir uns über Restaurants und er meinte, er wüsste doch so ein nettes Teil. Also ließen wir uns (er wechselte sein Taxi gegen einen Kleinbus) 30 Minuten später abholen. Es ging dann doch einige Kilometer über die Insel in ein traumhaftes Restaurant. Nach allen Seiten offen, quasi nur ein Dach, mit netter Weihnachtsdeko (man hatte diese Tatsache schon fasst verdrängt) und leckerem Essen. Die, um diese Jahreszeit üblichen, Regengüsse blieben natürlich nicht aus. Auf dem Blechdach entwickelte sich ein Lärm, das alle Gespräche schwer fielen. Nach 10 Minuten ist alles wieder vorbei und Ruhe kehrt ein. Blechdach (Landesüblich) und derartiger Regen (auch landesüblich) ist eine ungünstige Kombination. Trotzdem war der Abend ein Traum! Das Essen aller erste Sahne – und bezahlbar. Wir überlegten auf die Weiterfahrt zu verzichten, unsere Sachen zu holen und den Rest unseres Lebens hier zu verbringen. Ach, das ging ja nicht, es war ja bald Jahresende. Da muss man in Deutschland den Einkommensteuerbescheid abgeben
Am nächsten Morgen beschlossen wir noch Brötchen zu holen. Wieder grüßten alle, als wären wir die besten Freunde, man redet miteinander – aber niemals aufdringlich oder unhöflich. Sie interessieren sich einfach, was man hier macht, woher man kommt und ob es hier einem gefällt. Unverkennbar ist der geringe Lebensstandart (nicht das die Menschen hier arm wären). Man hat nur einfach weniger. Aber jeder hilft jedem – und wenn es nur mit einem Lächeln ist. Im Supermarkt (Weihnachtsmusik aus den Lautsprechern – wie sich doch die Welt inzwischen ähnelt) sahen wir eine total kitschige Zuckertorte. Wir kauften sie für den Nachmittagskaffee.
Um 0900 Uhr legten wir ab, die Pelikan kam 10 Minuten später nach. Über 2 Stunden gab es ein kleines Wettrennen, aber die Pelikan fuhr unter Motor uns letztendlich davon. Aber nicht ohne den Spruch: „Man sieht sich in Rodney Bay“. Klar, wo sollten wir sonst auch wieder festmachen? .
Statt in die Rodney Bay fuhren wir lieber in die berühmte Bucht der Piraten, wo sie sich einst versteckten. Nein, heute steht in der „Marigot Bay“ kein Finanzamt, auch andere Piraten sah man nicht. Und die Preise hielten sich auch in Grenzen. Nur die ewigen Regenfälle konnten einem die Laune für 2 Minuten vermiesen. Aber was sind schon 2 Minuten im Paradies?
Am nächsten Tag ging es dann im Sauseschritt (etwas Sturm) gen Norden nach Martinique. Dort erwartete uns André (wer sonst), übernahm sofort das Kommando und versaute uns den Abend, indem er uns in eines seiner Lieblingsrestaurants zitierte. Lärm und nicht allzu gutes Essen. Meine Mannschaft war leicht sauer...
Am nächsten Tag dann packen und ab zum Flugplatz. In der Hauptstadt „Fort de France“ hatten wir noch genug Zeit für ein leckeres Essen in den Markthallen. Sollte jeder mal im Leben genossen haben!!!
Ab ging es Richtung Frankreich. Nach 8 Stunden mit CorseAir (sehr empfehlenswert) schlugen wir in Paris „de Gaule“ ein. Wer meint, der Frankfurter Flughafen sei groß, sollte mal dahin gehen. Ein Traum. Schlecht beschildert, unübersichtlich und man sollte Fußmärsche von mehreren Stunden einplanen. Aber der Reihe nach: Klein Ulli stand an diesen Karussells, wo die Koffer denn kommen – wenn sie kommen. Nach 10 Minuten ist man schwindlig, die Beine blaugeschlagen von denen, die ihre Koffer schon haben und die Rippen gebrochen von denen, die nicht an ihren Koffer kamen. Echt ein Traum. Nach 45 Minuten stand klein Ulli alleine am Band, nur ein Teil von Zwei waren aufgetaucht. Noch 1 Stunde, bis der nächste Flieger geht. Einchecken ist ja alles kein Problem. Nur ohne Koffer... Also, erst mal zum Bagageservice und in meinem perfekten Französisch der Mutti was vorgeweint. Grande rote Tasche molto weg... Sie fragte nach, ob ich (wegen dem „grande“) mal an dem Schalter geschaut hätte, wo große Teile ausgegeben werden. Nee, wie auch, woher soll klein Ulli so was wissen? Bin ich hier jeden Tag? Also zurück zum Karussell und dahinter – gut versteckt und ohne Hinweisschilder – stand Ullis große rote Tasche. Mit einem grinsen der Erleichterung also zum Schalter, wo es weiter gehen sollte. Ich flog beinah über eine Putzfrau, die im Tiefflug mit einem raketenartigen Geschoss durch die Halle donnerte. Egal, ein blauer Fleck mehr, was soll’s. In Paris gibt es 178 Schalter! Nach AirBerlin und München Ausschau zu halten zeigte bis Schalter 147 keine Wirkung. Also zog ich einen Bildschirm zu Rate, wo ich auch die Schalternummer entdeckte. Klar, es waren 09 und 10 – wo ich mit der Rakete den Zusammenstoss hatte. Also wieder zurück. Ich überlegte, ob hier schon mal jemand verhungert sei, sah aber keine Skelette herum liegen. Ach ja, die werden ja von der Rakete... Zum Glück war ich fasst alleine in dem Flughafen, wenn man von zirka 100.000 weiteren Suchenden absieht, die auch nie im Weg rumstehen und ich kam ja mit meinem kleinen Handgepäck auch wunderbar durch. Noch 30 Minuten. Normal ist eine halbe Stunde vorher Feierabend. Ob ich die Rakete fragen sollte? Aber die schwirrte inzwischen unbeirrt so bei Schalter 20 herum. Nur nicht noch eine Kollision. Plötzlich, bei Schalter 15 stoppte mich ein Polizist in netter, adretter Uniform. Obwohl er gut rasiert war, hatte ich für so einen Quatsch nicht gerade viel übrig. Er meinte, hier geht es nicht mehr weiter (24 Minuten) und ich soll erst mal hier warten. Ich sah am Horizont sogar die Rakete fluchtartig entschwinden. Man hatte einen herrenlosen Koffer gefunden und vorsorglich mal alles gesperrt. Ob sie dies auch bei einem herrenlosen Hund gemacht hätten? Innerhalb ein paar Minuten wurde der Sicherheitsbereich immer weiter vergrößert. An einem Infoschalter von AirBerlin angekommen fragte ich mal vorsichtig nach. Die junge Dame (sie hatte übrigens eine Nase wie die Rakete vorhin) erklärte mir in bestem deutsch, das dies hier jeden Tag passiert. Keine Angst - alles wartet.
Also gut, Zeit für eine Zigarettenpause. Ich überlegte, was wohl nach einer Explosion anschließend die Rakete macht. In dem Arbeitstempo der Rakete ist der Schaden schneller vorbei als entstanden.
Aus den 100.000 wurden wohl 200.000 oder 300.000. Egal, es ist Platz für alle da und keiner Drängelt. Es will ja auch keiner der Erste sein oder hat es etwa eilig. Nein, im Ernst, man hatte das Gefühl, jetzt noch ein kleiner Funke – und die Panik bricht los. Ich weiß nicht, ob die Sicherheitsmaßnahme wirklich erforderlich war, aber es hatte wohl keiner so Recht Verständnis dafür. Informationen gab es auch nicht, keiner wusste etwas. Alle schubsten, drängelten, fluchten etc. Ich ging wieder raus, lieber draußen noch eine Zigarette, hier war eh kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Und zu meiner freudigen Überraschung – es regnete. Schon lange nicht mehr erlebt. Allerdings kalter Regen, ohne gleichzeitigen Sonnenschein. Wenigstens wusste ich jetzt wieder, woher er kam. Der ganze Himmel Grau in Grau.
Nach 30 Minuten ging es dann weiter. Aber wer nun meint, das es jetzt mit der Sicherheit besser bestellt wäre, der irrt. An der Sicherheitskontrolle stürmten alle nur noch durch. Wenn ich ein Maschinengewehr auf dem Rücken geschnallt und eine gezückte Machete geschwungen hätte – es hätte niemand mehr interessiert. Hauptsache in den Flieger (vom Sicherheitsschalter bis zum Gate des Flugzeugs waren es noch mal 8 Minuten im Schweinsgalopp). Hier hätte man einige Raketen gebrauchen können. Egal, man war froh, das ich überhaupt im Flieger ankam, es fehlten mit mir 7 Leute.
Eine Stunde später schwebten wir über München und Schnee.
Muss ich noch mehr schreiben?